Nordkorea-BerichtAlarm oder Fehlalarm?

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Im Juni herrschte noch Eintracht: Trump und Kim schlossen da eine vage Vereinbarung zur Denuklearisierung.
Im Juni herrschte noch Eintracht: Trump und Kim schlossen da eine vage Vereinbarung zur Denuklearisierung. (Foto: Saul Loeb/afp)
  • Die New York Times wirft Nordkorea vor, "undeklarierte Raketenbasen" zu unterhalten und diese noch auszubauen.
  • Die Studie, die dem Bericht zugrunde liegt, klingt allerdings weitaus weniger alarmistisch. Und die veröffentlichten Satellitenbilder sind vom 29. März 2018 - noch vor dem Treffen von Kim Jong-un und Trump.

Von Christoph Neidhart, Tokio

Ein Medienbericht erhebt massive Vorwürfe gegen Nordkorea und unterstellt dem Regime von Diktator Kim Jong-un, Vereinbarungen zur nuklearen Abrüstung zu unterlaufen. Das Land unterhalte "undeklarierte Raketenbasen" und baue diese noch aus, entrüstete sich die New York Times in einem Beitrag vom Montag. Die Volksrepublik betrüge "in großem Umfang", so der Titel des Artikels. Das Echo ist erwartungsgemäß enorm - groß sind allerdings auch die Zweifel an den Schlüssen, die die Autoren aus den zugrunde liegenden Fakten ziehen.

David Sanger und William Broad stützten sich in ihrem Bericht auf eine Studie von "Beyond-Parallel", einem Korea-Projekt des Center for Strategic and International Studies in Washington. Sie schreiben: "Nordkorea treibt die Entwicklung seines Raketenprogramms an 16 verstecken Basen voran, wie Bilder kommerzieller Satelliten zeigen." Das Land habe angeboten, "eine wichtige Abschussbasis zu demontieren - ein Schritt, den es begann, dann aber stoppte." Derweil "rüstet es mehr als ein Dutzend Standorte auf, die Abschüsse von konventionellen und nuklearen Sprengköpfen ermöglichen würden."

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Die zugrunde liegende Studie von Joseph Bermudez, Victor Cha und Lisa Collins, die nur die 85 Kilometer nördlich der innerkoreanischen Grenze liegende Raketenbasis Sakkanmol analysiert, klingt weit weniger alarmistisch. Die Satellitenfotos zeigten "kleinere Veränderungen an der Infrastruktur", heißt es. Sie passten zu dem, was an Basen der nordkoreanischen Volksarmee "oft zu beobachten ist."

Seit November 2018 sei Sakkanmol "aktiv". Die Basis werde "nach Nordkoreas Maßstäben gut unterhalten." Von einem Ausbau kein Wort. Auf weitere Standorte, von denen es etwa 20 geben soll, wollen die Autoren zu einem späteren Zeitpunkt eingehen.

Alle Raketenbasen Nordkoreas sind "undeklariert"

Die Satellitenbilder, die Beyond-Parallel als Belege veröffentlicht, sind vom 29. März 2018. Sie wurden vor dem ersten innerkoreanischen Gipfel und Trumps Treffen mit Machthaber Kim Jong-un gemacht - was die New York Times nicht erwähnt.

Nordkorea hat bis heute keine Liste seiner Atom- und Raketenanlagen freigegeben, wie die USA es forderten. Bei seinem letzten Besuch in Pjöngjang wich US-Außenminister Mike Pompeo von dieser Forderung ab. Damit ist unklar, was "undeklarierte Raketenbasen" sein sollen - denn Pjöngjang hat bisher keinerlei Raketenbasen deklariert.

Sakkanmol wurde zu Beginn der Neunzigerjahre gebaut. Bereits 1999 hat Nordkorea dort 27 Scud-Missiles stationiert, Kurzstreckenraketen sowjetischer Bauart. Die südkoreanische Presse berichtete schon damals darüber. In Washington kann die Studie keinen überrascht haben, auch nicht der Absatz, der die dort stationierten Kurzstreckenraketen erwähnt, die "leicht durch Mittelstreckenraketen ersetzt werden" könnten.

Dennoch dürften die Vorwürfe die Diskussion beeinflussen, welche Schritte in der Nordkorea-Frage folgen sollten - und vor allem: Wer als Nächstes Konzessionen zu machen habe. Nachdem Pjöngjang mit Gesten wie der Sprengung seiner Atomtest-Anlage in Punggye-ri Abrüstungsbereitschaft demonstriert haben will, fordert es von den USA Entgegenkommen - vor allem die Lockerung der Sanktionen.

Vorher rüste es nicht konkret ab, das scheint der Bericht von "Beyond-Parallel" zu bestätigen. Peking und Moskau unterstützen Pjöngjangs Forderung explizit. Seoul auch, aber ohne es laut zu sagen.

Joseph Bermudez, Leitautor der Studie, hat sich als sachlicher Analytiker des nordkoreanischen Waffenprogramms einen Namen gemacht. Er widerspricht sensationalistischen Berichten, die etwa die Kapazität von Raketen übertreiben oder sich auf Gerüchte stützen. In der neuen Studie schreibt er, es gebe keine Hinweise auf unterirdische Abschussrampen Nordkoreas, anders als einige Medien behaupteten.

Ein Hardliner zahlt es Trump heim

Co-Autor Victor Cha, ein Hardliner, war Nordkorea-Berater von Präsident George W. Bush. 2017 sollte er US-Botschafter in Südkorea werden - bis bekannt wurde, dass er Planspiele Trumps privat kritisierte. Trump erwog, Nordkorea mit einem Raketenschlag eine "blutige Nase" zu verpassen. Das sei riskant und möglicherweise wirkungslos, meinte Cha.

Im Gespräch mit der NYT zahlt er es dem Präsidenten nun heim: "Alle befürchten, dass Trump einen schlechten Deal akzeptiert." Die Nordkoreaner "geben uns ein einziges Testgelände und demontieren ein paar Sachen, und dafür bekommen sie einen Friedensvertrag". Der US-Präsident selbst reagierte gelassen auf den Bericht: Man wisse über die genannten Stützpunkte Bescheid, twitterte Trump. "Ich werde der Erste sein, der Sie wissen lässt, wenn die Lage sich verschlimmert".

© SZ vom 14.11.2018 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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