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Nordirlandkonflikt:20 Jahre Frieden stehen auf dem Spiel

Die nächsten dreißig Jahre sind geprägt von Anschlägen und Gewalt radikaler Gruppen. Einer von vielen traurigen Höhepunkten wird 1996 erreicht, als die IRA in Manchester den größten Bombenangriff auf Großbritannien seit Ende des Zweiten Weltkrieges verübt. Trotz einer telefonischen Warnung vorab werden mindestens 200 Menschen verletzt. Erst zwei Jahre später hat der Friedensprozess Erfolg: Am 10. April 1998 einigen sich die Regierungen Großbritanniens und Irlands sowie die meisten nordirischen Parteien auf das Karfreitagsabkommen.

Darin wird der Wunsch nach einer Wiedervereinigung Irlands als legitim bezeichnet, aber auch anerkannt, dass eine Mehrheit der Nordiren Teil Großbritanniens bleiben möchte und diese Mehrheit gilt. Verschiedene Institutionen zur Befriedung der Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten werden geschaffen, etwa die North Ireland Executive, eine Art quotierte Regierung, in der die Macht zwischen beiden Communities geteilt wird. Es sind die in dieser Vereinbarung angestoßenen Prozesse, die dazu führen, dass die Grenze zwischen Irland und Nordirland heute kaum wahrnehmbar ist.

Paramilitärische Strukturen bestehen fort

Das Karfreitagsabkommen hat den Konflikt befriedet, aber keinesfalls gebannt. Die meisten Paramilitärs beider Seiten haben ihre Waffen zwar niedergelegt, doch verschiedene Splittergruppen mit Namen wie "Real IRA" oder eben "New IRA" bestehen weiter und bekennen sich auch weiterhin zu einzelnen Anschlägen. "Die Dissidentengruppen in Nordirland sind kleine Gruppen, und jeder sollte sich daran erinnern, dass sie nur wenig Rückhalt in der Bevölkerung haben", sagt die nordirische Polizei.

Doch die Strukturen gibt es noch, und offenbar auch die Bereitschaft zur Gewalt. Nicht umsonst ist die innerirische Grenze der Knackpunkt der Brexit-Verhandlungen. Im Falle eines harten Brexits, also des unkontrollierten Austritts der Briten aus der EU, gäbe es keine andere Möglichkeit, als Grenz- und Zollkontrollen zwischen Irland und Nordirland wieder einzuführen. Irlands Premierminister Leo Varadkar hat das bisher ausgeschlossen: "Ich erinnere mich, wie ich als Teenager an der Grenze war. Ich erinnere mich an die Soldaten und die Kontrollen und ich möchte nichts davon jemals wieder sehen", sagte er im irischen Parlament.

Der Anschlag von Londonderry zeigt, dass der Weg zu Soldaten und Kontrollen nur kurz sein könnte und es bei den Brexit-Verhandlungen in der Irland-Frage um mehr geht als Einfuhrbestimmungen und Zollkontrollen. Denn eine harte Grenze auf der irischen Insel könnte Extremisten auf beiden Seiten neue Munition geben und den mehr als 100 Jahre andauernden Konflikt neu beleben. Dann könnte es wieder Guerillakampf geben - mitten in Europa.

© SZ.de/fued

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