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Norbert Blüm zum Geburtstag:"Sag mir, wo das Soziale ist - wo ist es geblieben?"

Kämpferisch wie eh und je: Norbert Blüm wird heute siebzig. 16 Jahre lang war er Helmut Kohls Arbeitsminister.

Von Heribert Prantl

Wenn Norbert Blüm das Vaterunser spricht, und das tut er oft, denn er ist tatsächlich Christdemokrat, dann denkt er an seine Partei. "Und führe uns nicht in Versuchung" - ihm kommt das Unions-Wahlprogramm in den Sinn; es ist ihm zu weit weg von den Sorgen der Arbeitslosen. "Erlöse uns von dem Bösen" - das sind die Anfechtungen des Neoliberalismus, denen die Parteichefin erlegen ist.

Das Verhältnis Blüms zur Union ist distanziert geworden.

(Foto: Foto: AP)

Auf den letzten Parteitagen hat man Blüm angeschaut wie einen Alien, weil er gegen die Kopfpauschale wetterte und den "Ausstieg aus dem Solidaritätsprinzip" beklagte. Früher war es so, dass Stimmung aufkam, wenn Blüm girlandenhaft redete und sich für seinen Chef, den Kanzler Kohl, in die Bresche warf. Diese Zeit ist vorbei. Aber Blüm hofft und betet, dass das soziale Herz der CDU wieder zu schlagen beginnt.

Das Verhältnis zwischen Blüm und Kohl ist mittlerweile noch kaputter als das zwischen Blüm und den Neoliberalen: Kohl hat seinem treuen Paladin nie verziehen, dass er sich einmal - in der Spendenaffäre - von ihm distanzierte.

Auch das Verhältnis Blüms zur Union ist distanziert geworden: Die Frage "Sag mir, wo das Soziale ist?" ist zu Blüms Lied geworden: Und wenn er heute einen seiner zornigen Aufsätze zum "Lob der Gewerkschaft" und für den "Vorrang der Arbeit vor dem Kapital" schreibt, die auch in dieser Zeitung gedruckt waren, dann unterzeichnet er das Anschreiben schon mal mit einem revolutionären venceremos - wir werden siegen.

Blüm ist ein Optimist, einer, der sich nicht unterkriegen lässt, auch wenn er sich noch kleiner machen muss, als er es körperlich schon ist; ansonsten hätte er es nicht vom ersten bis zum letzten Tag als Minister für Arbeit und Sozialordnung unter Kohl ausgehalten, 16 lange Jahre lang.

Er leidet weniger unter dem Zerwürfnis mit Kohl als darunter, dass man seinen berühmten Satz "Die Rente ist sicher" als Lüge diffamiert. Hat er nicht alles getan, um sie sicher zu machen? Hat er nicht den Demographiefaktor eingeführt, den Rot-Grün sofort wieder abgeschafft und Jahre später unter gemurmelten Entschuldigungen als "Nachhaltigkeitsfaktor" wieder eingeführt hat?

Blüm, der gelernte Werkzeugmacher, hat die Sorge, dass die CDU den Kontakt zu den sozial schwächeren Bevölkerungsschichten verliert: Unter Merkel gibt es keinen glaubwürdigen und von der Partei rückhaltlos unterstützten Sozialpolitiker mehr.

"Der" Sozialpolitiker - das war jahrzehntelang er, er zusammen mit Heiner Geißler. Geißler als der Intellektuelle, er als der Praktiker. Blüm wusste und weiß, wie es unten aussieht. An der Werkbank bei Opel in Rüsselsheim, wo schon der Vater arbeitete, verdiente er sein erstes Geld.

Als Bauarbeiter hat er gearbeitet, als Lkw-Fahrer und Kellner, Straßenbauer und Kunstschmied, bevor er dann studierte und zum "Nobbi" wurde. Die meisten Sünden büßte er im Streit mit Franz Josef Strauß ab, für den er die gefährliche Spezies der "Herz-Jesu-Marxisten" verkörperte.

1987 polterte Srauß besonders heftig, als Blüm beim chilenischen Diktator Pinochet für die Freilassung von 16 zum Tod verurteilten Häftlingen kämpfte; für "Kommunisten" und "Verbrecher", wie Strauß höhnte.

Im Januar 2004 stand Blüm in der Markthalle von Santiago, als ein alter Mann auf ihn zustürzte, ihn herzte und küsste. Es war einer der damals Geretteten. Heute wird Norbert Blüm 70 Jahre alt.

© SZ vom 21. Juli 2005
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