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Nobelpreise:Stockholm, ein Signal bitte

Es ist höchste Zeit, in den Naturwissenschaften Frauen zu Vorbildern zu machen. Solange fast nur alte, westliche Männer Preise erhalten, werden sich junge, schlaue Frauen kaum für diese Fächer begeistern.

Von Patrick Illinger

Während in der Wirtschaftswelt diskutiert wird, ob eine angepeilte Frauenquote von 30 Prozent in Vorständen und Aufsichtsräten nicht zu gering sei, betreiben Naturwissenschaftler diese Debatte auf noch deutlich niedrigerem Niveau: Dort wird hinterfragt, ob eine Frauenquote von drei Prozent zeitgemäß ist. Drei Prozent. So absurd niedrig liegt die Rate der Nobel-Laureatinnen der Disziplinen Physik, Chemie und Medizin. Die letzte Physikerin ist vor 50 Jahren ausgezeichnet worden, davor gab es seit der Preisstiftung genau eine weitere. In Chemie sind es insgesamt vier Preisträgerinnen. In der Sparte Physiologie oder Medizin, wo meist Biochemie-Themen gewürdigt werden, gab es zwölf Laureatinnen, immerhin vier in den vergangenen zehn Jahren. Ein Trend zur Besserung ist, anders als gelegentlich behauptet wird, in keinem der Fächer in Sicht.

Derlei Frauenanteile wirken noch weniger zeitgemäß als das hohe Durchschnittsalter der Preisträger und die geografische Massierung in Industrienationen, vor allem den USA. Diese Ungleichgewichte wollen die Nobelpreisgremien, die Schwedische Akademie der Wissenschaften (Physik, Chemie) und die Nobelversammlung des Karolinska-Instituts (Medizin) nach eigenem Bekunden ändern. Das ist zweifellos eine zu begrüßende, wenngleich vage Absichtserklärung. Doch prompt wirken die aus anderen Genderdebatten bekannten Beharrungskräfte: Um Gottes Willen, sollen nicht mehr wissenschaftliche Verdienste zählen, sondern Geschlecht, Alter und Herkunft?

Der Vorschlag, beispielsweise im kommenden Jahr ausnahmsweise und als Signal an junge Naturwissenschaftlerinnen ausschließlich Frauen zu prämieren, gilt vielen als Frevel an einer fast schon sakralen Institution. Das sei eine Missachtung von Alfred Nobels Testament, heißt es in den Empörungstiraden der sozialen Netzwerke und in hohen wissenschaftlichen Kreisen. Doch solche Argumente gehen ins Leere, denn der letzte Wille des Preisstifters wird schon seit langer Zeit nicht mehr befolgt. Er verfügte, den Preis an jene zu vergeben, die im vorangegangenen Jahr den wichtigsten Beitrag zu ihrem Fach geleistet haben. In der Realität sind die prämierten Forschungsarbeiten meist Jahrzehnte alt. Denn Hauptanliegen der Nobelstiftung ist es, das Renommee des altehrwürdigen Preises bloß nicht zu beschädigen, etwa indem sich ein Preisträger im Nachhinein als unwürdig erweist.

Es gebe unter Top-Wissenschaftlern eben deutlich weniger Frauen als Männer, ist ein weiteres Argument der Beharrlichen. Eines, mit dem sich auch die Nobel-Stiftung herausredet: Schon unter den eingereichten Nominierungen seien zu wenige Frauen, sagt deren Vizechef Göran Hansson. Das mag zum Teil stimmen, aber hier befördert das eine das andere. Wenn fast nur alte weiße, westliche Männer höchsten Ruhm in den Naturwissenschaften erlangen, werden junge Frauen, egal aus welchen Erdteilen, sich kaum für diese Fächer interessieren.

Welche wohltuende Wirkung ein positives role model haben kann, zeigte sich, als 2014 die Iranerin Maryam Mirzakhani die Fields Medaille erhielt, die höchste Auszeichnung der Mathematik. Es war ein Weckruf für viele junge schlaue Frauen. Ein ähnliches Signal der Gremien in Stockholm täte gut. Alfred Nobel wird deshalb nicht im Grabe rotieren.

© SZ vom 02.10.2018

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