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Turkmenistan-Herrscher Nijasow:Überlebensgroß auch im Tod

Saparmurad Nijasows war Premier und Präsident in Personalunion, Städte, Flughäfen, Melonen und ein Monat sind nach ihm benannt. Über den verstorbenen bizarren "Vater" der Turkmenen.

Frank Nienhuysen und Oliver Das Gupta

Als 1990 verzweifelte Perestroika-Gegner für ein paar Tage Michael Gorbatschow von der Spitze der UdSSR wegputschten, witterte Saparmurat Atajewitsch Nijasow seine Chance.

Schon Jahrzehnte zuvor hatte der 1940 geborene bullige Ingenieur mit dem Bürstenhaarschnitt in Staat und kommunistischer Partei an seinem Aufstieg gebastelt, der ihn bis ins Politbüro führte.

Nun, nach dem misslungenen Staatsstreich, nutzte er die Machtlosigkeit des Kreml. Am 27. Oktober 1991 erklärte er die Unabhängigkeit der Republik Turkmenistan. Nijasow wurde Staatschef.

Die kommunistische Partei des Landes, der Nijasow seinen Aufstieg zu verdanken hatte, wurde aufgelöst und durch eine andere Einheitspartei ersetzt. Andere politische Gruppierungen wurden verboten. Nijasows Begründung: "Mangelndes Interesse" des Volkes.

Auch ohne KP blieb alles so, wie gewohnt: Wahlen gewann Nijasow, der sich inzwischen "Turkmenbaschi" - übersetzt: "Vater aller Turkmenen" - nennen ließ mit höchst zweifelhaften Werten von 98,3 und 99,5 Prozent. Nijasow ließ ein Alibi-Parlament zu, das die Verlängerungen seiner Amtszeit brav abnickte. Eine einzige, kontrollierte Gewerkschaft war erlaubt.

Nijasow herrschte mit eiserner Hand: Regimekritiker ließ er verfolgen, die Presse, deren Zentralorgan den zynisch anmutenden Namen "Neutrales Turkmenistan trägt", nach Gusto lenken. Reporter-ohne-Grenzen verordnete Nijasows Reich bei der Pressefreiheit vor Nordkorea - auf dem drittletzten Platz.

"Der Tod durch Folter an der turkmenischen Journalistin Ogulsapar Muradowa zeigt, dass Saparmurat Nijasow auch Gewalt einsetzt, um unliebsame Kritiker auszuschalten", heißt es in der Begründung für die schlechte Platzierung.

"Turkmenbaschi" rauchte nicht mehr - das Volk auch

Ausländischen Journalisten war es praktisch nicht mehr möglich, offiziell in das seltsame Turkmenbaschi-Reich einzureisen und sich selbst einen Eindruck von der früheren Sowjetrepublik zu machen. Dabei gibt sich Nijasow alle Mühe, ein glänzendes Bild abzugeben. In der Hauptstadt Aschgabat steht eine überlebensgroße golden schimmernde Statue, die den Präsidenten mit flatterndem Umhang zeigt und dem turkmenischen Volk den Weg weisen soll. Die Statue rotiert sogar mit der Sonne - ein raffinierter Dreh.

Das öffentliche Rauchen verbot der Präsident seinem Volk, als der herzkranke Nijasow selbst von dem Glimmstängeln lassen musste.

Auch sonst war "Turkmenbaschi" allgegenwärtig. Die Hafenstadt, die einst Krasnowodsk hieß, trägt inzwischen seinen Namen, ebenso wie Flughäfen, Schulen, Kanäle, ein Meteor und eine Melonensorte. Sein zweibändiges philosophisch-ideologisches Buch "Ruhnama" ist bislang strenge Pflichtlektüre an allen turkmenischen Schulen. Wer in den Staatsdienst will, muss daraus zitieren können. Selbst den Monat Januar hat Turkmenbaschi zu seinen Ehren nach sich umbenannt.

Hobby: Dichten

Für andere Namen und Gesichter neben ihm war ohnehin kein Platz. Schließlich fungierte er auch als Oberbefehlshaber der Streitkräfte, saß dem Verteidigungsrat, Volksrat und Ältestenrat vor, das Nationale Sicherheitskomitee führte er obendrein.

Schon 1991 hatte Präsident Nijasow den seiner Ansicht nach besten Mann zum Regierungschef ernannt: sich selbst.

Trotz seiner mannigfachen Aufgaben hatte der Staatschef nebenher noch so viel Zeit, dass er intensiv seinem Hobby nachgehen konnte: dem Schreiben von Versen, Büchern und allerlei Lebensweisheiten. Erst im Oktober erschien sein Werk "Der Lebensbaum des Großen Turkmenbaschi".

Angst vor turkmenischen Oppositionellen und dem Druck der Internationalen Staatengemeinschaft musste Nijasow nicht fürchten, schließlich hatte er neben seiner Allgewalt einen weiteren mächtigen Trumpf in der Hand: Er herrschte nicht nur über das turkmenische Volk, sondern auch über ein gewaltiges Reservoir an Erdgas, das im turkmenischen Sektor des Kaspischen Meeres liegt.

Im Herbst bot er sogar dem deutschen Siemens-Konzern an, sich an Gas- und Förderprojekten am Kaspischen Meer zu beteiligen. Turkmenbaschi verstand also nicht nur zu strafen, er konnte auch schmeicheln.

In den letzten Jahren hatte er allerdings Zeichen von einer gewissen Amtsmüdigkeit erkennen lassen: Obwohl er inzwischen Staatschef auf Lebenszeit war, stellte er seinen Rücktritt für 2007 in Aussicht.

Dazu wird es nicht mehr kommen: Saparmurat Nijasow starb in der vergangenen Nacht an Herzversagen.

© Süddeutsche Zeitung /sueddeutsche.de
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