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Todesurteil in Nigeria:Im Griff der Scharia

Ein Todesurteil in Nigeria wirft ein Schlaglicht auf die immer radikalere Auslegung islamischen Rechts. Das Vergehen des jungen Musikers Yahaya Sharif-Aminu: Er soll in einem Liedtext einen Imam über den Propheten Mohammed gestellt haben.

Von Anna Reuß

Bestritten hat er die Vorwürfe nicht. Nun wurde der 22 Jahre alte Musiker Yahaya Sharif-Aminu, den bis vor seiner Verhaftung in seiner Heimat Nigeria kaum jemand kannte, von einem Scharia-Gericht im nördlichen Bundesstaat Kano zum Tode verurteilt. Er habe sich der Blasphemie, also der Gotteslästerung, gegen den Propheten Mohammed schuldig gemacht.

Der Vorwurf: Er habe ein Gospellied über den Nachrichtendienst Whatsapp verbreitet. Darin habe er einen Imam aus einer muslimischen Sufi-Bruderschaft so sehr gelobt, dass er ihn in den Augen des zuständigen Richters über den Propheten Mohammed gestellt habe, berichteten nigerianische Medien. Der Sufismus ist eine mystische Richtung im Islam, die in Westafrika viele Anhänger hat.

Das Urteil wirft ein Schlaglicht auf die zunehmend radikalere Auslegung des Islam in Teilen des Landes. Nigeria, das im Jahr 1960 von den britischen Kolonialherren in die Unabhängigkeit entlassen worden war, hat sich den Rang der größten Volkswirtschaft Afrikas erarbeitet.

In dem Land leben etwa 200 Millionen Menschen, die Mehrheit sind Muslime. Die genaue Zahl der Praktizierenden ist unbekannt. Schätzungen gehen aber davon aus, dass mindestens 40 Prozent der Nigerianer Christen sind. Wie in ganz Westafrika sind spirituelle Bruderschaften verbreitet.

Die Scharia wurde bereits im siebten Jahrhundert angewendet

Das islamische Recht hat bereits im siebten Jahrhundert in Nigeria Anwendung gefunden. "Die Scharia gab es schon lange vor den Briten", sagte die nigerianische Rechtsgelehrte Hauwa Ibrahim der Süddeutschen Zeitung am Dienstag. Die Menschenrechtsanwältin hat zahlreiche Frauen und Kinder verteidigt, die nach der Scharia zum Tode oder zu Amputationen verurteilt worden waren. Sie lehrt nun an der Harvard-Universität in den USA.

Der Musiker Sharif-Aminu war zunächst untergetaucht, nachdem er das Lied komponiert hatte. Demonstranten hatten im März das Haus seiner Familie gestürmt, niedergebrannt und sich vor dem Hauptquartier der islamischen Religionspolizei Hisba versammelt, eine staatliche Institution, die für die Durchsetzung der Scharia zuständig ist.

Idris Ibrahim, der Wortführer der Demonstrationen, hatte die Verhaftung des Musikers gefordert. Er sagte der BBC nach dem Richterspruch, das Urteil werde als "Warnung für andere dienen, die erwägen, Yahayas Weg zu beschreiten". Das Urteil werde Leute abschrecken, "die meinen, sie könnten unsere Religion oder unseren Propheten beleidigen und ungeschoren davonkommen".

Gelehrte sind sich uneinig, ob der Koran die Grundlage für eine körperliche Bestrafung bei Blasphemie hergibt. Menschenrechtsgruppen wie Human Rights Watch fordern schon lange eine Abschaffung der Todesstrafe in Nigeria.

Im Jahr 1999 hatte der muslimisch dominierten Norden Nigerias in zwölf von 19 Staaten das Scharia-Justizsystem wieder eingeführt. Aber nur Muslime können vor dieses Gericht gestellt werden. Viele empfinden das als ungerecht: "Einige fühlen sich diskriminiert", sagte die Menschenrechtsanwältin Ibrahim. "Für ein und dasselbe Vergehen werden Menschen unterschiedlich verurteilt, obwohl sie Bürger desselben Staates sind."

Immer wieder kommt es zu Ausschreitungen zwischen der christlichen Minderheit und Muslimen. Im Bundesstaat Kano, wo Christen nur ein Prozent der Bevölkerung ausmachen, wurden im Jahr 2001 rund 100 Menschen bei Zusammenstößen getötet, nachdem die Einführung der Scharia beschlossen worden war. Ein Kandidat hatte bei den Gouverneurswahlen versprochen, die Scharia auf die christlichen Gebiete auszudehnen, er gewann die Abstimmung.

Auf Grundlage der Scharia Verurteilte werden unter anderem mit Auspeitschungen, etwa für Sex außerhalb der Ehe bestraft. In einigen der nördlichen, muslimisch geprägten Bundesstaaten findet das Scharia-Rechtsprechung allerdings keine Anwendung beim Strafrecht.

Erst einmal, im Jahr 2002, wurde eines der Todesurteile der Scharia-Gerichte auch vollstreckt, im Bundesstaat Katsina wurde damals ein verurteilter Mann hingerichtet. Er wurde gehängt, nachdem er sich schuldig bekannt hatte, eine Frau und ihre beiden Kinder ermordet zu haben.

Das letzte Mal, dass ein nigerianisches Scharia-Gericht ein Todesurteil erließ, war 2016, als ein Mann nach einem Prozess in Kano ebenfalls wegen angeblicher Gotteslästerung gegen den Islam zum Tode verurteilt worden war.

Genau wie der nun verurteilte Musiker Yahaya Sharif-Aminu ist der Mann allerdings bis heute in Haft. Ob die beiden Urteile jemals vollstreckt werden, ist fraglich. Hauwa Ibrahim glaubt nicht daran. Viele Gouverneure, deren Unterschrift für eine Hinrichtung notwendig wären, weigerten sich. "Ich habe mit vielen von ihnen gesprochen. Sie wollen kein Blut an ihren Händen kleben haben."

© SZ vom 12.08.2020/gal
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