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Nigeria:Lebenszeichen aus der Hölle

Ist der Horror für sie bald vorbei? Ein Videobild der Verschleppten.

(Foto: AFP/CNN)

Ein Video zeigt 15 der 276 Mädchen, die von Boko Haram entführt wurden. Leben auch die anderen?

Von Isabel Pfaff

Pünktlich zum zweiten Jahrestag der Entführung von 276 nigerianischen Schülerinnen aus Chibok ist ein Video bekannt worden, das offenbar 15 der verschleppten Mädchen zeigt. Die Aufnahme macht einerseits Hoffnung, dass auch die anderen Entführten am Leben sind. Doch das Video erinnert die Welt auch an das Leid, das die Islamisten seit Jahren im Nordosten Nigerias und den angrenzenden Staaten verbreiten. Und es macht deutlich, dass die Miliz immer noch stark genug ist, die Schülerinnen als Geiseln zu halten.

Boko-Haram-Kämpfer hatten die Mädchen in der Nacht auf den 15. April 2014 aus ihrem Internat in der Stadt Chibok entführt. Während einige von ihnen fliehen konnten, werden 219 nach wie vor vermisst. Die Entführung der Schülerinnen hatte dem Terror in Nigeria erstmals globale Aufmerksamkeit verschafft. Unter dem Slogan #BringBackOurGirls begannen Eltern und Angehörige für die Rettung ihrer Kinder zu kämpfen. Ihre Kampagne schwoll zu einer globalen Internetbewegung an, an der sich Millionen Menschen beteiligten. Selbst Michelle Obama ließ sich mit dem Twitter-Hashtag fotografieren.

Die inzwischen abgelöste nigerianische Regierung von Goodluck Jonathan geriet unter Druck: Plötzlich berichteten Medien aus der ganzen Welt über Boko Haram und ihren Feldzug im Nordosten Nigerias, dem sich die eigentlich gut ausgerüstete Armee des Landes nicht entgegenstellte. Ende 2014 hatten die Islamisten ein zusammenhängendes Gebiet von der Größe Belgiens erobert und Tausende Menschen ermordet und verschleppt. Die 219 Schülerinnen waren zum Symbol für ein schreckliches Massenphänomen geworden.

Präsident Buhari verhandelt offenbar mit der geschwächten Terrormiliz

Erst Anfang 2015 brachte eine Militäroffensive die Wende. Die Terroristen konnten aus fast allen eroberten Gebieten vertrieben werden. Viele Kämpfer ergaben sich und wurden gefangen genommen. Aus den Lagern und Verstecken der Miliz befreiten Sicherheitskräfte Hunderte Geiseln. Nur von den Schülerinnen, den bekanntesten Terroropfern Nigerias, fehlte weiterhin jede Spur. Bis jetzt. Die Aufnahme, vom US-Sender CNN am Jahrestag der Entführung veröffentlicht, ist das erste mutmaßliche Lebenszeichen der Mädchen seit Mai 2014. Damals hatte Boko Haram ein Video von den Geiseln verbreitet, in dem der Anführer der Terrorgruppe ankündigte, sie mit seinen Kämpfern zu verheiraten. Das neue Video wurde CNN offenbar zugespielt. Der Sender habe die Aufnahme den Eltern von einigen der Enführten gezeigt, die die Identität der Mädchen bestätigten. CNN zufolge hat Boko Haram die Aufnahme im vergangenen Dezember als Lebensnachweis an die Unterhändler der Regierung geschickt.

Präsident Muhammadu Buhari verhandelt also mit der geschwächten Terrormiliz - die offenkundig ihr wertvollstes Faustpfand ins Spiel bringt: die Schülerinnen aus Chibok. Für diese Mädchen und ihre Angehörigen könnte der Horror bald vorbei sein.

Doch zunächst sieht es ganz und gar nicht nach Frieden aus. Mit mindestens 17 000 Ermordeten seit 2009, die auf ihr Konto gehen, ist Boko Haram immer noch die tödlichste Terrorgruppe der Welt, selbst der IS hat nicht so viele Menschen umgebracht. Zwar schafft die Miliz es nicht mehr, ganze Landstriche einzunehmen. Dafür verüben die Islamisten wieder verstärkt Anschläge. Regelmäßig reißen Explosionen Zivilisten in den Tod - nicht nur in Nigeria, sondern auch in den Nachbarstaaten Kamerun, Tschad und Niger.

Und offenbar nutzt die Terrormiliz dafür zunehmend die Geiseln, die ihr noch geblieben sind: Immer öfter sind es junge Mädchen, die als Selbstmordattentäterinnen die Bombe zünden. Wie das UN-Kinderhilfswerk Unicef am Dienstag mitteilte, sprengten sich 2015 in der Region 44 Minderjährige in die Luft, die meisten von ihnen weiblich. Im Jahr zuvor waren es vier gewesen.

© SZ vom 15.04.2016

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