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Nigeria:Boko Haram hält noch immer 113 Frauen fest

Nigerias Präsident Muhammadu Buhari empfing am Sonntag die von Boko Haram freigelassenen Mädchen.

(Foto: Olamikan Gbemiga/AP)
  • Im Austausch gegen mehrere Kämpfer hat die Terrormiliz Boko Haram in Nigeria 82 entführte Mädchen freigegeben.
  • Der nigerianische Präsident Buhari ließ die Schülerinnen zu einem Empfang in die Hauptstadt Abuja einfliegen. Wie es ihnen geht, ist unklar.
  • Buhari war in die Kritik geraten, weil er sich angeblich zu wenig für die verschleppten Mädchen einsetzte. Noch immer hat Boko Haram 113 Frauen in der Gewalt.

Von Bernd Dörries, Kapstadt

Sie könnten nach Hause und dürfen es doch nicht. Vor drei Jahren wurden 276 Schülerinnen von der Terrorgruppe Boko Haram entführt, am Samstag wurden 82 von ihnen im Nordosten Nigerias freigelassen. Gar nicht weit entfernt von ihrem Heimatdorf Chibok, in dem sie die Terroristen im April 2014 nachts aus der Schule geholt hatten. Man weiß wenig darüber, wie es den Mädchen geht, in mehreren Etappen flogen sie am Sonntag in die Hauptstadt Abuja, um dort von Präsident Muhammadu Buhari empfangen zu werden. Sie müssen zum Präsidenten, nicht umgekehrt.

Buhari leidet seit Monaten unter einer öffentlich nicht näher bezeichneten Krankheit, weilte lange im Ausland und taucht immer wieder ab. Den Empfang der Mädchen will er sich aber nicht entgehen lassen. Dem früheren General wurde lange vorgeworfen, zu wenig getan zu haben, um die Mädchen zu befreien und die Terroristen von Boko Haram zu bekämpfen. Dies ist nun sein großer Erfolg, den er womöglich lange auskosten will. Amnesty International hat bereits davor gewarnt, die Mädchen zu PR-Zwecken zu missbrauchen. "Ihre Privatsphäre hat Priorität."

Vergewaltigungen und Zwangsheiraten

Shehu Sani, ein nigerianischer Senator, der in die Verhandlungen über die Freilassung eingebunden war, bezeichnete den Zustand der Mädchen als "gut". Nähere Angaben machte er nicht. Aus Berichten von zuvor freigelassenen oder geflüchteten Schülerinnen lässt sich erahnen, wie die vergangenen Jahre für die Geiseln ausgesehen haben könnten.

Boko Haram-Anführer Abubakar Shekau hatte kurz nach dem Kidnapping gesagt, dass die Kinder seiner Ansicht nach nie in die Schule hätten gehen dürfen. Sklaverei sei in seiner Religion erlaubt, er werde die Mädchen versklaven und verheiraten.

Fast sechzig Mädchen konnten in den Monaten darauf fliehen, sie berichteten Journalisten und auf Menschenrechtskonferenzen von Vergewaltigungen und Zwangsheiraten, der Brautpreis wurde in manchen Fällen auf sechs Dollar festgesetzt.

Die verbliebenen knapp 220 Mädchen wurden vermutlich aufgeteilt, manche von ihnen wurden in Nachbarländer gebracht. Manche wurden als Selbstmordattentäterinnen missbraucht, die sich an den Stützpunkten der Armee in die Luft sprengen mussten.

Entführte Frauen zeigen die Grausamkeit von Boko Haram

In den Jahren 2015 und 2016 war sehr wenig über den Verbleib der Frauen bekannt. In den sozialen Netzwerken versuchte die Kampagne #Bringbackourgirls den Druck auf die nigerianische Regierung zu erhöhen, auch die damalige First Lady der USA, Michelle Obama, unterstützte die Aktion. Die USA entsandten etwa 60 Soldaten in den Tschad, ein Nachbarland Nigerias, um bei der Suche zu helfen.

Im August 2016 veröffentlichte Boko Haram ein Video, das etwa 50 Mädchen aus Chibok zeigen soll, viele von ihnen mit Kindern auf dem Arm. Ein vermummter Terrorist fordert die Freilassung von inhaftierten Kämpfern, im Gegenzug sollten die Geiseln freikommen. Im Oktober 2016 wurden 21 Mädchen entlassen. Seitdem verhandelte die Regierung mithilfe der Schweiz und des Internationalen Roten Kreuzes, um noch mehr Gefangene freizubekommen. Dazu ist es nun am Samstag gekommen, nach Angaben der Regierung wurden dafür "einige" inhaftierte Boko- Haram-Kämpfer freigelassen, wie viele genau wurde nicht mitgeteilt. Man werde aber weiter daran arbeiten, alle Mädchen aus Chibok freizubekommen, sagte ein Regierungssprecher.

Durch die internationalen Kampagnen sind sie zum Symbol für die Grausamkeit von Boko Haram geworden. Experten schätzen aber, dass Hunderte wenn nicht Tausende weiterer Frauen im Norden Nigerias von der Terrorgruppe verschleppt und versklavt wurden. Seit acht Jahren versuchen die Terroristen im vorwiegend muslimischen Teil des bevölkerungsreichsten afrikanischen Landes, ein Kalifat zu etablieren. Bisher haben sie etwa 20 000 Menschen umgebracht und etwa 2,5 Millionen Menschen in die Flucht getrieben. Immer wieder hatte das nigerianische Militär behauptet, es habe den Aufenthaltsort von Entführten ausfindig gemacht, könne aber nicht zuschlagen, um das Leben der Geiseln nicht zu gefährden. Nur ein Mädchen wurde von Soldaten befreit.

Terrormiliz schwor dem "Islamischen Staat" die Treue

Die Terrorgruppe Boko Haram hat mittlerweile dem sogenannten Islamischen Staat die Treue geschworen, ist aber wie der IS selbst in den vergangenen Monaten massiv unter Druck geraten. Den nigerianischen Truppen ist es mithilfe von Nachbarstaaten gelungen, große Teile der einst von Boko Haram kontrollierten Gebiete zurückzuerobern. Zuletzt haben die Islamisten wieder verstärkt Anschläge verübt.

Dadurch bedrohen sie die Versorgung von 4,7 Millionen Menschen mit Lebensmitteln. Viele Hilfsgüter kommen Diplomaten zufolge gar nicht bei den Bedürftigen an. Womöglich wurden auch gekidnappte Frauen gezwungen, einige der Attentate zu verüben. Die USA und Großbritannien warnten ihre Bürger am Freitag, dass Boko Haram offenbar die Entführung von Ausländern plane.

Im Heimatdorf der entführten Mädchen war am Sonntag offenbar noch nicht klar, wer unter den 82 Entlassenen ist und wer nicht - 113 Frauen befinden sich noch immer in der Gewalt der Entführer.

© SZ vom 08.05.2017

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