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Deutsch-niederländisches Verhältnis:"Ein besonderes Zeichen der Freundschaft"

King Willem-Alexander and Queen Maxima open the defile during the National Remembrance Day on Dam Square in Amsterdam,

König Willem-Alexander und Königin Maxima legten am Totengedenktag auf dem Dam in Amsterdam einen Kranz nieder.

(Foto: KOEN VAN WEEL /imago images/ANP)

Bundeskanzlerin Merkel darf bei der Gedenkfeier zur Befreiung der Niederlande von der NS-Besatzung sprechen - eine symbolträchtige Einladung.

Von Thomas Kirchner

Der 4. und der 5. Mai sind zwei überaus wichtige Tage für die Niederländer. Am 4. gedenken sie der Opfer aller Kriege seit dem Zweiten Weltkrieg, am 5. feiern sie die Befreiung von der deutschen Besatzung am Mittwoch vor 76 Jahren. Die Herrschaft der Nazis 1940 bis 1945 war ein prägendes, traumatisches Erlebnis, das die Niederländer seit Generationen aufwühlt. Als umso außergewöhnlicher ist es zu werten, dass zum ersten Mal eine deutsche Regierungschefin die zentrale Gedenkrede in diesem Jahr halten durfte. Vor Angela Merkel war dem damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck diese Ehre 2012 zuteilgeworden.

In ihrer Rede, wegen der Pandemie nur per Video gehalten, nannte Merkel die Einladung "ein besonderes Zeichen der Freundschaft" zwischen beiden Ländern. Sie erinnerte an die Verbrechen der deutschen Besatzer in den Niederlanden. Zwei Drittel der lokalen jüdischen Bevölkerung seien ermordet worden, so viele wie in keinem anderen besetzten Land. Mehr als 600 000 Niederländer hätten Zwangsarbeit im Deutschen Reich leisten müssen. Das Zentrum von Rotterdam sei durch deutsche Bomben vollständig verwüstet worden. Im Durchgangslager Westerbork hätten viele Menschen "unermessliches Leid" erfahren.

"Wir Deutschen werden nie vergessen, dass die Niederlande uns nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Zivilisationsbruch der Shoah die Hand zur Versöhnung gereicht haben", sagte Merkel. Jüngste fremdenfeindliche Anschläge in Deutschland zeigten, wie wichtig es bleibe, gegen Rassismus, Hass und Feindschaft gegenüber bestimmten Gruppen anzukämpfen. Die Vergangenheit könne nicht ungeschehen gemacht werden, doch sei es wichtig, das Richtige daraus zu lernen. Eine Folge davon sei Artikel 1 des Grundgesetzes: "Die Würde des Menschen ist unantastbar."

In einer anschließenden Diskussion mit Studierenden, der sich Merkel zusammen mit ihrem niederländischen Kollegen Mark Rutte stellte, verwahrte sich die Kanzlerin ausdrücklich gegen die Vorstellung, es lasse sich ein "Schlussstrich" unter die Vergangenheit setzen: "Niemand kann sich von seiner Geschichte entfernen. Es geht gar nicht, dass man anfängt zu sagen, man wolle damit nichts mehr zu tun haben." Es sei "etwas Großartiges, dass die Erinnerung lebendig ist und wir es trotzdem geschafft haben, einander wieder zu vertrauen".

Die Einladung gilt Merkel ganz persönlich

Die NS-Zeit lastete auch Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg noch schwer auf den deutsch-niederländischen Beziehungen, was bis in die 1990er-Jahre unter anderem zu Gehässigkeiten bei Spielen der Fußball-Nationalmannschaften führte. Zum 50. Jahrestag der Befreiung brachten die Niederländer es 1995 nicht über sich, den damaligen Kanzler für die zentrale Feier in Amsterdam einzuladen. Helmut Kohl legte stattdessen zwei Wochen später einen Kranz in Rotterdam nieder.

In der Folge entspannte sich das Verhältnis zusehends. Gauck fand 2012 authentische Worte, die das Nachbarland beeindruckten. Auch Merkel gilt als Politikerin, die sich ihrer geschichtlichen Verantwortung bewusst ist, und wird nicht zuletzt deshalb von vielen Niederländern geschätzt. Beide Länder haben ähnliche Interessen und arbeiten in der EU eng zusammen. Allerdings sieht man sich in Den Haag gerade nach dem Brexit immer öfter genötigt, ein Gegengewicht zur deutsch-französischen Kooperation zu bilden.

Merkel sei wegen ihres "gewaltigen Beitrags" für Frieden und Stabilität in Europa eingeladen worden, hatte Gerdi Verbeet, die Vorsitzende des Nationalkomitees 4. und 5. Mai, gesagt. Es sei hier um sie persönlich gegangen; man plane nicht, regelmäßig Deutsche für diese Feiern einzuladen.

Am Vorabend hatten König Willem-Alexander und Vertreter aus Politik und Militär am zentralen Mahnmal in Amsterdam der Toten gedacht, auf dem wegen der Pandemie ansonsten leeren Dam. Der Kabarettist und Sänger André van Duin erzählte von seinem Vater, der zur Zwangsarbeit eingezogen wurde, worüber man in der Familie nie habe sprechen dürfen. "Freiheit ist nicht selbstverständlich", sagte van Duin. "Es hätte auch anders laufen können, damals, vor 76 Jahren. Dann müsste ich das hier jetzt vielleicht auf Deutsch vortragen. Und darum bin ich dankbar, dass ich in Freiheit leben kann, und dankbar, dass ich in diesem Land geboren bin."

Überschattet wurden die Gedenktage durch eine umstrittene Aktion von Nationalisten und Corona-Leugnern. Die Partei Forum für Demokratie hatte auf Plakaten erklärt, es gebe statt 76 nur "75 Jahre Freiheit" zu feiern. Durch die Corona-Maßnahmen würden seit einem Jahr "die Freiheiten, für die unsere Großeltern gekämpft hatten" immer stärker eingeschränkt. Politiker vieler Parteien im Parlament äußerten sich empört über den "Missbrauch" der Geschichte.

© SZ/jbb/cat
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