Niederlande:Rutte fährt runter

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Niederlande: Geschlossene Geschäfte in Amsterdam: Seit Sonntagfrüh sind die Niederlande zurück im Lockdown.

Geschlossene Geschäfte in Amsterdam: Seit Sonntagfrüh sind die Niederlande zurück im Lockdown.

(Foto: Richard Wareham /imago images)

Geschäfte, Gaststätten, Friseure sind geschlossen: Die Niederlande gehen erneut in den Lockdown. Das ist für den Ministerpräsidenten schwer zu vermitteln, denn noch ist das Unheil nur zu erahnen.

Von Thomas Kirchner

Zu spät und zu wenig: So lässt sich nach Ansicht von Kritikern die bisherige Reaktion der niederländischen Regierung auf das Coronavirus beschreiben. Als wäre die größte Sorge der Verantwortlichen, zu viel zu tun gegen die Pandemie und zu streng zu sein mit den Maßnahmen. Entsprechend hoch waren auch zuletzt wieder die Ansteckungszahlen und die Belegung der Intensivbetten.

Mit diesem Ansatz scheint es vorbei zu sein, diesmal will man offenbar rechtzeitig eingreifen. In einer eilig anberaumten Pressekonferenz, nur vier Tage nach der letzten zum Thema, informierte der geschäftsführende Ministerpräsident Mark Rutte die Bürger über drastische Schritte. Von Sonntagfrüh an ging das Land erneut in den Lockdown. Bis zunächst 14. Januar müssen fast alle Geschäfte, Gaststätten, Kultur- und Sporteinrichtungen, Friseure, Saunen sowie alle Bildungseinrichtungen schließen. Ausgenommen sind nur Läden wie Supermärkte und Apotheken, die für die Versorgung wichtig sind, sowie Bibliotheken, Banken, Fahrschulen oder Optiker. Click-and-collect ist gestattet.

Die Omikron-Variante verbreite sich schneller als befürchtet, sagte Rutte. "Deshalb müssen wir jetzt eingreifen, um Schlimmeres zu verhindern, aus Vorsorge." Wobei man nicht von einem echten Lockdown sprechen kann. Ihre Wohnungen dürfen die Menschen nach Belieben verlassen, ein Haushalt darf sich drinnen wie draußen jedoch nur mit maximal zwei Personen treffen, an Weihnachten und zu Silvester sind es vier. Freizeit-Sport ist im Freien bis 17 Uhr erlaubt. Der Profi-Sport darf weitermachen, aber ohne Publikum. Schon bisher galt ein "Abend-Lockdown". Die meisten Geschäfte und alle Gaststätten sowie Kultur- und Sporteinrichtungen mussten um 17 Uhr schließen.

Die schlechte Botschaft ist nicht leicht zu vermitteln, denn noch ist das Unheil nur zu erahnen, nicht zu sehen. Die Ansteckungszahlen sinken derzeit, um 24 Prozent im Vergleich zur Vorwoche. Allerdings auf hohem Niveau, die Sieben-Tage-Inzidenz betrug am Samstag 617, das ist fast zweimal so hoch wie in Deutschland. Gleichzeitig liegen die Niederlande, was die Zahl der Dreifach-Geimpften betrifft, weit hinten in Europa. Deshalb hatten die wissenschaftlichen Berater der Regierung in den vergangenen Tagen Alarm geschlagen.

Volle Innenstädte am Samstag - in Vorahnung des Lockdowns

In einer Präsentation im Parlament hatte der Chef des Krisenteams, Jaap van Dissel, vor einer gravierenden Überlastung des Gesundheitswesens gewarnt. Rechne man die Entwicklung aus England hoch, seien im Januar täglich 100 bis 125 neue Patienten in den Intensivabteilungen zu erwarten. Das wäre doppelt so hoch wie bei der letzten Welle und nicht zu stemmen. Schon jetzt sind viele Krankenhäuser überfordert, selbst dringende Krebsoperationen müssen verschoben werden. Knapp die Hälfte der 1223 verfügbaren Intensivbetten ist mit Covid-Patienten besetzt, obwohl einige nach Deutschland gebracht wurden; die Reserve für Notfälle ist auf 40 geschrumpft, eigentlich sollten es 188 sein.

Derzeit verdoppele sich die Zahl der Ansteckungen mit der Omikron-Mutante alle zwei bis drei Tage im Land, sagte van Dissel auf der Pressekonferenz, zu der er erstmals geladen war. In Amsterdam betrage der Anteil schon 22 Prozent. Noch vor dem Jahreswechsel werde die Variante dominieren. Über den Verlauf der Krankheit mit Omikron wisse man noch zu wenig, sicher sei aber, dass die Variante den Immunschutz durch Ansteckung oder Impfung weitgehend unterlaufe. Umso wichtiger sei es, dass sich die Menschen boostern ließen, was einen gewissen Schutz biete. Die entsprechende Kampagne, die gerade erst begonnen hat, soll beschleunigt werden.

Wie die Bürger die neuen Regeln akzeptieren, lässt sich noch nicht sagen. Am Samstag waren viele einkaufen gegangen, offenbar in Vorahnung des Lockdowns; die Innenstädte waren laut Medienberichten extrem voll. Zu größeren Protesten kam es zunächst nicht. Anfang des Jahres sowie zuletzt im November hatte es wegen der Corona-Politik in mehreren Städten Krawalle gegeben.

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