Niederlande Letzte Zuflucht Lebensendklinik

Im Jahre 2002 erlaubten die Niederlande als erstes Land der Welt aktive Sterbehilfe. Die Mehrheit der Bürger dort unterstützt die liberale Regelung. Doch seit einigen umstrittenen Fällen schaut die Justiz nun genauer hin.

Von Thomas Kirchner

Truus Postma brachte die Sache ins Rollen. Die friesische Hausärztin wurde 1971 zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, weil sie ihrer schwerkranken Mutter mit einer Spritze in den Tod geholfen hatte. Der Protest von Unterstützern führte zur Gründung der Niederländischen Vereinigung für ein freiwilliges Lebensende (NVVE). Deren Kampf hatte nach 30 Jahren Debatte - und vielen Selbstanzeigen von Ärzten - schließlich Erfolg: 2002 waren die Niederlande das erste Land der Welt, das aktive Sterbehilfe gestattete. In der EU haben nur Belgien und Luxemburg ähnlich liberale Gesetze. In Belgien darf seit 2014 auch Kindern ohne Altersgrenze Sterbehilfe gewährt werden, was bisher drei Mal geschehen ist.

Die niederländische Regelung schuf kein "Recht" auf einen selbst bestimmten Tod. Sie nannte nur Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit Mediziner, die beim Suizid assistieren, straffrei bleiben. Idealerweise sind dies Hausärzte, die in den Niederlanden eine wichtige Rolle spielen. Unter anderem müssen sie sich davon überzeugt haben, dass der Patient "freiwillig und nach reiflicher Überlegung" um den Tod gebeten hat, dass sein Zustand aussichtslos und sein Leiden unerträglich ist, und dass es für die Lage des Patienten "keine andere annehmbare Lösung" gibt. Außerdem müssen Arzt oder Ärztin mindestens einen unabhängigen Kollegen hinzugezogen haben. Jede Sterbehilfeleistung muss gemeldet und von regionalen Prüfkommissionen untersucht werden.

Die Niederländer sind pragmatisch und traditionell tolerant, die Kirche hat vergleichsweise wenig Einfluss in gesellschaftlichen Fragen. Laut Umfragen sind daher mehr als drei Viertel der Bevölkerung froh über die Regelung, weil sie rechtliche Klarheit bietet. Die übrigen registrieren besorgt, wie rasch die Zahl der Sterbehilfefälle gestiegen ist: von knapp 2000 im Jahr 2002 (1,3 Prozent aller Sterbefälle) auf etwa 6500 im Jahr 2017 (4,4 Prozent). Die Zielgruppe ist - auf Druck der NVVE, die inzwischen 167 000 Mitglieder hat - gewachsen. Zu mehr als 90 Prozent sind es immer noch Krebspatienten im finalen Stadium. Aber auch Menschen mit tödlichen Nervenerkrankungen, schweren Psychosen, Alzheimer und Demenz können nun Sterbehilfe erhalten. Verweigert ein Arzt das Gesuch, was in etwa der Hälfte der Fälle vorkommt, springt immer öfter die "Lebensendeklinik" in Den Haag ein, die auch Teams ins ganze Land entsendet. Einem kleinen Teil der Niederländer geht all das zu weit, zu sehr in Richtung "Tod auf Verlangen".

Im vergangenen Jahr sank die Zahl der Sterbehilfefälle erstmals wieder, auf rund 6100. Warum, ist nicht klar. Manche vermuten eine Grippe-Epidemie als Grund, während die Lebensendeklinik klagt, dass Ärzte zunehmend "Angst vor strafrechtlicher Verfolgung" hätten. Tatsächlich ist seit 2002 noch niemand wegen unsorgfältiger Sterbehilfe verurteilt worden. Aber die Justiz schaut jetzt genauer hin, 2018 ermittelte sie in fünf Fällen. Ein Arzt in einem Pflegeheim wird sich vor Gericht verantworten müssen, er hatte einer 74 Jahre alten Demenzkranken eine tödliche Spritze verabreicht, obwohl sich die Frau gewehrt hatte und von Angehörigen festgehalten werden musste.