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Prozess in Den Haag:Erst Kindersoldat, später Warlord

LRA commander Dominic Ongwen on trial at ICC

Als Kind entführt, dann ein gefürchteter Milizenchef: Dominic Ongwen zu Beginn des Prozesses in Den Haag.

(Foto: dpa)

Mord, Folter, Vergewaltigung, Versklavung: Der ugandische Ex-Milizionär Dominic Ongwen muss sich vor dem Internationalen Strafgerichtshof verantworten. Seine Verteidiger sehen ihn selbst als Opfer.

Von Tobias Zick, Kapstadt

In der Geschichte der Lord's Resistance Army (LRA), einer der berüchtigtsten Milizen Afrikas, gibt es wenige einfache Wahrheiten, das illustriert schon der Auftakt dieses Prozesses. Auf der Anklagebank vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag sitzt seit Dienstag Dominic Ongwen, ehemals hochrangiger Kommandeur der ugandischen Terrorgruppe, die seit 1987 mehr als 100 000 Menschen getötet und Zehntausende Kinder verschleppt haben soll.

Ihm werden Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in 70 Fällen zur Last gelegt, die unter seinem Kommando zwischen 2002 und 2005 im Norden des ostafrikanischen Landes begangen wurden: Morde, Folter, Vergewaltigungen, Versklavung - eine lange Liste der Gräueltaten.

Zum Auftakt des Prozesses ließ die Anklage unter anderem Videos und Fotos zerstückelter Leichen laufen. Dominic Ongwen, sagte die Chefanklägerin Fatou Bensouda, "ist ein Mörder und Vergewaltiger"; unter den Befehlshabern der Terrorgruppe sei er "einer der brutalsten" gewesen.

Auf dem Schulweg von Rebellen entführt

Der Angeklagte, Anfang vierzig, weiche Gesichtszüge, ist vor Gericht in grauem Anzug, rosa Hemd und blauer Krawatte erschienen. Die Taten, wie sie die Anklage schildert, bestreitet er nicht. Aber er sagt: "Die LRA hat das getan. Die LRA bin nicht ich." Deshalb weise er "im Namen Gottes alle Anklagepunkte zurück".

Die seltsam anmutende Distanzierung Ongwens von der Miliz, der er jahrelang in höchsten Rängen diente, erklärt sich aus seiner eigenen Geschichte: Als Kind, wohl im Alter zwischen zehn und 14 Jahren, wurde er selbst auf dem Schulweg von Rebellen der Miliz entführt und als Soldat versklavt. Als solcher machte er schnell Karriere: Berichten zufolge erwarb er sich innerhalb der LRA den Ruf, aus Schlachten nur mit geringen Verlusten unter den eigenen Kämpfern zurückzukehren.

Der Gründer der Terrorgruppe, Joseph Kony, beförderte ihn zu einem seiner Stellvertreter. Doch dann überwarfen sich die beiden, Kony ließ Ongwen gefangen nehmen, der konnte schließlich fliehen - und stellte sich im Januar 2015 amerikanischen Spezialeinheiten in der Zentralafrikanischen Republik.

Verteidigung verwies auf psychische Erkrankung

Die Verteidiger verweisen auf Ongwens Opferrolle: "Er wurde gefoltert", sagt Thomas Obhof, einer der Anwälte, "er wurde gezwungen, mitanzusehen, wie Menschen getötet wurden, er wurde als Kindersoldat missbraucht." All dies seien strafmildernde Faktoren.

Chefanklägerin Fatou Bensouda hielt dem am Dienstag jedoch entgegen, Ongwens eigene Erfahrungen könnten nicht als Rechtfertigung dafür herhalten, dass er andere Menschen zu Opfern gemacht habe. Sie schilderte einen Fall, in dem der Angeklagte den ihm unterstellten Kindersoldaten befohlen haben soll, einen Mann totzubeißen und zu steinigen. Minderjährige Mädchen wurden mutmaßlich unter seinem Kommando jahrelang als Sexsklavinnen gehalten, und Ongwen selbst habe "von ihrem Elend profitiert".

Die Verteidigung hatte vorab versucht, den Prozess zu verhindern, indem sie darauf verwies, Ongwen sei psychisch krank und folglich nicht imstande, die Anklage zu verstehen. Der Vorsitzende Richter, der Deutsche Bertram Schmitt, wies dies jedoch als "Verzögerungstaktik" zurück.

Der Prozessauftakt wurde an mehreren Orten in Uganda auf öffentlich aufgestellten Bildschirmen übertragen. Die Meinung unter den zahlreichen Opfern der LRA ist geteilt: Der 19-jährige George Ecodu etwa, der selbst als Siebenjähriger von der Miliz verschleppt und zehn Jahre lang zum Kämpfen gezwungen worden war, erklärte in einer vorgerichtlichen Anhörung, er wünsche sich, dass Ongwen vergeben werde, "so wie einigen von uns von anderen Entführten vergeben wurde. Die Bibel sagt, wir mögen vergeben."

Der ugandische Anwalt Joseph Manoba dagegen, der in dem Prozess Hunderte von Ongwens mutmaßlichen Opfern vertritt, weist die Einschätzung zurück, der Angeklagte sei in erster Linie selbst Opfer. Viele seiner Mandanten hätten ihm gesagt, "wenn der Internationale Strafgerichtshof ihn nicht bestraft und er nach Uganda zurückkehrt, dann werden sie ihn selbst umbringen".

© SZ vom 07.12.2016/gal

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