Niederlande Hinweise auf Terror

Der Todesschütze von Utrecht stand nicht in einer Beziehung zu den Opfern, erklärten die Ermittler. Stattdessen fanden sie ein Schreiben in einem Fluchtauto.

Von Thomas Kirchner

Nach der tödlichen Schießerei in einer Straßenbahn im niederländischen Utrecht ist das Motiv des Schützen weiterhin nicht geklärt. Allerdings mehrten sich am Dienstag Hinweise auf einen extremistischen Hintergrund der Tat, bei der am Montagmorgen drei Menschen starben und fünf verletzt wurden. Ein terroristisches Motiv des festgenommenen 37 Jahre alten mutmaßlichen Täters werde ernsthaft in Betracht gezogen, erklärte die Staatsanwaltschaft. Darauf deuteten der Verlauf des Angriffs und ein Schreiben hin, das in einem Fluchtauto gefunden worden sei.

Es blieb aber unklar, ob der gebürtige Türke aus politischer Überzeugung oder persönlicher Rache handelte. "Andere Beweggründe werden nicht ausgeschlossen", erklärten die Ermittler. Ihren Angaben zufolge konnte keine Verbindung zwischen Gökmen T. und dessen Opfern festgestellt werden. Das spricht gegen die These von einer Beziehungstat oder einem Ehrenmord. Türkische Medienberichte hatten Angehörige von T. mit der Aussage zitiert, er habe auf ein Mitglied der Familie geschossen.

Auf die Öffentlichkeit wirkte die Kommunikation über die Tat verwirrend

T. war am Abend in einer Wohnung in Utrecht festgenommen worden. Die Ermittler waren ihm durch eine per Handy ausgeführte Überweisung auf die Spur gekommen. Der in der Türkei geborene und im Utrechter Stadtteil Kanaleneiland aufgewachsene Mann hat ein langes Strafregister. Neben vielen kleineren Delikten werden ihm Raub, Diebstahl und eine Vergewaltigung vorgeworfen. Er saß vorübergehend in Untersuchungshaft, wurde unter Bedingungen auf freien Fuß gesetzt, kam wieder in Haft und wurde abermals freigelassen. Nachbarn beschrieben ihn als "verlorenen, verwirrten Trottel"; er komme aus einer kaputten Familie, sei früh auf den falschen Weg geraten.

Auf die niederländische Öffentlichkeit wirkte die Kommunikation über die Tat verwirrend. Ließen erste Äußerungen von Ministerpräsident Mark Rutte einen Terroranschlag vermuten, schwenkten die Medien später auf eine mögliche Rache- oder Beziehungstat um, woraufhin am Dienstag wiederum die Terrorthese in den Vordergrund rückte. Im Parlament, das der Opfer mit einer Schweigeminute gedachte, forderte der Rechtspopulist Geert Wilders den Rücktritt von Justizminister Ferdinand Grapperhaus. Dieser trage die Verantwortung dafür, dass T. nicht hinter Gittern gesessen habe.

In den Niederlanden stehen an diesem Mittwoch Provinzialwahlen an. Sie geben nicht nur Auskunft über die politische Stimmung zur Halbzeit der Legislatur, sondern entscheiden auch über die Machtverhältnisse in der Ersten Kammer des Parlaments, die Gesetze blockieren kann. Dort hat die regierende Koalition nur eine Stimme Mehrheit.