Nicola Sturgeon:Die Schottin, die Boris Johnson vor sich hertreibt

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Nicola Sturgeon: Vor einem Pub in Edinburgh wird am 9. Oktober aufgeräumt, bevor das Ausschankverbot in Kraft tritt.

Vor einem Pub in Edinburgh wird am 9. Oktober aufgeräumt, bevor das Ausschankverbot in Kraft tritt.

(Foto: AP)

Nicola Sturgeon verordnet den Schotten mit dem Alkoholverbot in Pubs gerade einen Kulturbruch: kein Ale mehr, kein Lager, kein Whisky. Mit ihrer Corona-Politik hat die Regierungschefin jedoch mehr als nur das Wohl des Landes im Blick.

Von Alexander Mühlauer

Man tritt den meisten Schotten sicher nicht zu nahe, wenn man behauptet, dass ihnen ein Kulturbruch bevorsteht. Von diesem Wochenende an dürfen Pubs keinen Alkohol mehr ausschenken. Kein Ale, kein Lager, kein Whisky, nichts. Das Verbot gilt zunächst für 16 Tage. In den Regionen, die am schlimmsten vom Coronavirus betroffenen sind, müssen Gaststätten sogar ganz schließen. Für all jene Schotten, die sich als Teil der legendären Pub-Kultur ihres Landes wähnen, ist das ein Dekret, das ziemlich wehtut.

Verantwortlich dafür ist Nicola Sturgeon, 50 Jahre alt, Vorsitzende der Scottish National Party (SNP) und seit 2014 Regierungschefin in Schottland. Als First Minister hat sie mit ihrer Corona-Politik nicht nur das Wohl des Landes im Blick, sondern auch ein klares politisches Ziel: Sie will schneller und entschlossener handeln als Boris Johnson, der für die Corona-Regeln in England zuständig ist.

Seit Ausbruch der Pandemie treibt sie den Premier immer wieder geschickt vor sich her. Sturgeon fasste Entscheidungen, die Johnson nur noch nachahmen konnte. Wie es aussieht, wird auch er in der kommenden Woche Pub-Schließungen verhängen - zumindest in jenen Teilen Nordenglands, wo die Infektionszahlen dramatisch gestiegen sind. Sturgeon könnte das nur recht sein. Wieder einmal mehr stünde sie als diejenige da, die dem zaudernden Premier den Kurs diktiert.

Scottish FM Sturgeon takes questions in Edinburgh

Nicola Sturgeon am 8. Oktober im Parlament von Edinburgh.

(Foto: POOL/REUTERS)

Im Vergleich zu Johnson hat Nicola Sturgeons Popularität in der Corona-Krise bei Weitem nicht so stark gelitten. Das liegt auch daran, dass ihr Politikstil so ziemlich das Gegenteil von Johnsons Auftreten ist: Im Regierungsviertel von Edinburgh gilt sie als detailversessene Technokratin, die eigentlich nur dann aus der Haut fährt, wenn es darum geht, für Schottlands Unabhängigkeit zu kämpfen.

Sturgeon will noch vor der schottischen Parlamentswahl im Mai einen Gesetzentwurf für ein erneutes Referendum vorlegen. Auch damit will sie Johnson unter Druck setzen. Der Premier lehnt einen Austritt Schottlands aus dem Vereinigten Königreich strikt ab. Sturgeons Vorstoß ist einerseits Symbolpolitik, weil die Frage, ob Schottland eine solche Volksabstimmung abhalten darf, vom britischen Parlament entschieden werden müsste. Andererseits kann Johnson das Manöver auch nicht als absurde Träumerei abtun. Denn je höher der mutmaßliche Wahlsieg von Sturgeons SNP ausfallen sollte, desto stärker könnte sie Johnson unter Zugzwang setzen, ein Referendum zu gestatten.

Im Jahr 2014 hatten die Schotten mit 55 zu 45 Prozent für einen Verbleib im Vereinigten Königreich gestimmt. Doch mittlerweile ist Umfragen zufolge eine Mehrheit für den Austritt. Als Hauptgrund für den Abspaltungswunsch gilt der Brexit, den Sturgeon "unverantwortlich" nennt. Damit weiß sie die Mehrheit der Schotten hinter sich. Sie selbst inszeniert sich gerne als Freundin der EU. Bei einem Besuch in Brüssel erklärte sie im Februar, dass sie sich auf den Tag freue, wenn ein unabhängiges Schottland EU-Mitglied werde.

Sturgeon ist bereits mit 16 Jahren in die SNP eingetreten, um die konservative Politik von Margaret Thatcher zu stoppen. Sie ist mit dem langjährigen Geschäftsführer der Partei, Peter Murrell, verheiratet und bezeichnet sich selbst als Feministin und Pazifistin. Zuletzt bekam Sturgeons Image als Kämpferin allerdings Kratzer. Ihr wird vorgeworfen, das schottische Parlament in die Irre geführt zu haben. Es geht um die Frage, wann sie von den Anschuldigungen gegenüber ihrem Amtsvorgänger Alex Salmond erfahren hat, der wegen sexueller Belästigung angeklagt und schließlich freigesprochen wurde. In dieser Woche gab sie zu Protokoll, dass sie doch schon früher als behauptet davon gewusst habe - ein Treffen mit Salmond habe sie "vergessen".

Die Opposition in Edinburgh macht ihr seitdem einen Vorwurf, den Johnson des Öfteren zu hören bekommt: dass sie es mit der Wahrheit offenbar nicht so genau nimmt.

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