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Nicaragua:Präsident als Phantom

Gerüchte über die Gesundheit: Präsident Ortega.

Die Regierung hält "Liebe in Zeiten von Covid-19"-Demos ab, Machthaber Ortega aber ist verschwunden.

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Am 12. März wählte sich Daniel Ortega zum letzten Mal in eine Konferenz mit anderen Staatsoberhäuptern aus Zentralamerika ein. Es ging um das Coronavirus, die Region registrierte damals gerade die ersten Fälle. Seitdem sind die Infektionszahlen unaufhörlich gestiegen, Nicaraguas Machthaber dafür aber spurlos verschwunden. Weder im Fernsehen zeigt sich Ortega, noch bei Veranstaltungen oder auch nur der Beerdigung eines engen Weggefährten. Die Menschen in Nicaragua fragen sich nun, wo ihr Präsident wohl ist: Im Bett, in Quarantäne - oder doch im Jenseits?

Dabei ist es an sich nicht ungewöhnlich, dass Daniel Ortega für einige Wochen abtaucht. Der 74-Jährige war einer der Köpfe der sandinistischen Revolution. Ende der Siebzigerjahre stürzte sie die Diktatur des Somoza-Clans. Ortega wurde Mitglied einer Regierungsjunta, dann gewählter Präsident, erst 1985, dann noch einmal 2007. Seitdem hat er nicht mehr von der Macht gelassen. 2018 ließ er große Demonstrationen niederknüppeln, mindestens 300 Menschen starben.

Schon länger aber gibt es auch Gerüchte über Gesundheitsprobleme Ortegas; seine Frau und Vizepräsidentin, Rosario Murillo, übernimmt immer öfter die Geschäfte. Sie gilt als eigentliche Machthaberin, offen sagen darf man das aber nicht. Journalisten und Oppositionelle werden verfolgt, nichts soll das Machtgefüge gefährden. Doch nun bekommt das Regime in Managua einen neuen Feind: Covid-19.

Sieben offiziell bestätigte Fälle mit dem Coronavirus gibt es derzeit in Nicaragua, ein Mensch starb schon an den Folgen einer Infektion. Anders als die allermeisten Regierungen weltweit hat die von Nicaragua allerdings noch so gut wie keine Maßnahmen veranlasst, um die Ausbreitung der Krankheit einzudämmen. Die Schulen sind geöffnet, Geschäfte und die Grenzen ebenfalls. Massenveranstaltungen sind nicht nur noch erlaubt, sondern sogar erwünscht. Mitte März rief die Regierung selbst zu einer Großdemonstration unter dem Motto "Liebe in Zeiten von Covid-19" auf. Tausende kamen. Ärzte berichten davon, dass es ihnen verboten ist, Mundschutz zu tragen, um Patienten nicht zu beunruhigen. Gleichzeitig sollen Anwohner in ärmeren Vierteln über Hygienemaßnahmen aufgeklärt werden - von Freiwilligen, die persönlich von Haustür zu Haustür ziehen und so potenziell das Virus immer weiter verbreiten, wie Experten eindringlich warnen.

Die Opposition und die Panamerikanische Gesundheitsorganisation haben diesen Umgang mit dem Coronavirus immer wieder scharf kritisiert. Die Regierung scheint jedoch auf keine Warnung zu hören. Stattdessen soll das Land noch weiter als Touristenattraktion vermarktet werden. Für die Osterfeiertage ist ein umfassendes Programm gestartet, inklusive Miss-Wahlen und Konzerten, aber auch Pilgerfahrten und Prozessionen. Diese sind allerdings nicht von der Kirche organisiert, im Gegenteil: Die katholische Führung hat alle Messen und religiösen Veranstaltungen abgesagt. Aus seinem Exil in Rom warnte der Bischof von Managua Gläubige sogar davor, an den Prozessionen teilzunehmen.

Viele Menschen in Nicaragua scheinen dem auch Folge zu leisten. Wer es sich leisten kann, bleibt zu Hause. Das Virus, hoffen viele, könnte so gestoppt werden. Gerüchte aber hält die freiwillige Quarantäne nicht auf. Manche glauben, dass Daniel Ortega in einem Krankenhaus ist, andere vermuten einen PR-Coup: Nicaraguas Machthaber wolle sich mit seiner Abwesenheit interessant machen, nur um dann, pünktlich zu Ostern, wieder in der Öffentlichkeit zu erscheinen, auferstanden und unsterblich.

© SZ vom 11.04.2020
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