New Yorks Bürgermeister Bloomberg:Milliardär der Mitte

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Es ist eine kleine Sensation: New Yorks Bürgermeister Bloomberg will als Unabhängiger bei der Präsidentschaftswahl 2012 antreten - wenn sich die politische und wirtschaftliche Großwetterlage bis dahin nicht grundlegend ändert.

Reymer Klüver

Für Politprofis in den USA ist es eine Selbstverständlichkeit. Noch ist die Kongresswahl zur Halbzeit des amtierenden Präsidenten nicht gelaufen, schon hat der Wahlkampf für die Präsidentschaftswahl in zwei Jahren begonnen. Seinen Demokraten hat Barack Obama unmissverständlich klar gemacht, dass er alle Augen auf 2012 richtet. Bei den Republikanern ließ erst vor zwei Tagen Sarah Palin deutlich wie nie erkennen, dass sie kandidieren will. Die eigentliche Sensation aber blieb weitgehend unbeachtet. New Yorks Bürgermeister, der Milliardär Michael Bloomberg, will als Unabhängiger antreten - wenn sich die politische und wirtschaftliche Großwetterlage bis dahin nicht grundlegend ändert. Dann, allerdings auch nur dann, dürfte es in zwei Jahren nicht zwei, sondern drei Präsidentschaftskandidaten geben. Einen Vorteil hätte Bloomberg allemal: Er könnte seine Wahlkampagne selbst finanzieren.

Michael Bloomberg will die Politik in den USA gehörig aufmischen. (Foto: Reuters)

Tatsächlich wird seit Wochen bei Politdinners in Washington nicht nur darüber diskutiert, wie sehr die Aktivisten der Tea-Party-Bewegung die Republikaner nach rechts rücken werden. Vielmehr wird immer öfter über das Versagen des traditionellen amerikanischen Zwei-Parteien-Systems überhaupt gesprochen. Die Republikaner hätten sich trotz der gravierenden Lage des Landes auf Verhinderung verlegt. Der Erfolg der Tea Party lasse da keine Besserung erwarten. Die Demokraten betrieben weiterhin Klientelpolitik und wollten trotz leerer Kassen und horrender Defizite noch mehr soziale Wohltaten verteilen.

Es sind vor allem Unabhängige, die ihre Hoffnung auf Obama gesetzt hatten und enttäuscht sind und nun auf eine Partei sozusagen der politischen Vernunft setzen. "Bisher hat es nie eine Führungsperson gegeben, die Amerikas politische Mitte glaubwürdig hätte vertreten können", sagte erst vor wenigen Tagen ein ziemlich einflussreicher Washingtoner Politprofi in vertrauter Runde, "das hat sich geändert". Und dann fiel der Name des New Yorker Bürgermeisters.

Bloomberg selbst pflegt sein Image als unerschrockener Unabhängiger, hat in diesem Wahlkampf hier einen Kandidaten der Demokraten, dort einen der Republikaner unterstützt. Und ein Zufall ist es sicher auch nicht, dass er ausgerechnet Hillary Clintons ehemaligen Wahlkampfstrategen Howard Wolfson zum Vizebürgermeister gemacht hat. Doug Schoen, seit Jahren Bloombergs Wahlforscher, hat ein Buch geschrieben mit dem programmatischen Titel "Declaring Independence - Verkündung der Unabhängigkeit" und darin das Ende des Zwei-Parteien-Systems prophezeit.

Tatsächlich hat das Zwei-Parteien-System zumindest in der Provinz erkennbar Risse bekommen - die das rüde Auftreten der Tea Party nur verstärkt hat. In Rhode Island dürfte der ehemalige republikanische Senator Lincoln Chafee, den die Rechten in seiner ehemaligen Partei aus dem Amt gedrängt hatten, am Dienstag zum Gouverneur gewählt werden. Als Unabhängiger. In Maine tritt der ehemalige Demokrat Eliot Cutler als Kandidat für das Gouverneursamt an und ist nicht chancenlos. Als Unabhängiger. In Alaska könnte die bisherige republikanische Senatorin Lisa Murkowski sich gegen den Kandidaten durchsetzen, den ihre Partei aufgestellt hat. In Florida will ebenfalls ein ehemaliger Republikaner, den die Rechten in seiner Partei verjagt haben, als Unabhängiger Senator werden: Gouverneur Charlie Crist.

Doch Crists Kandidatur offenbart vielleicht am nachdrücklichsten das Dilemma eines jeden potenziellen unabhängigen Präsidentschaftskandidaten. So beliebt Crist auch als Gouverneur in Florida sein mag, er hat keine Chancen gegen Parteiloyalitäten. Sollte nicht der inzwischen chancenlose Kandidat der Demokraten in Florida in letzter Minute aussteigen, wird Marco Rubio, der rechte Kandidat der Republikaner, als Senator nach Washington gehen. Auf ein Präsidentschaftsrennen 2012 übertragen würde es bedeuten, dass sich ein liberaler Bloomberg und der Demokrat Obama um die Stimmen in der Mitte balgen. Der Kandidat der Republikaner aber könnte mit den Stimmen des konservativen Lagers ins Weiße Haus einziehen: zum Beispiel Sarah Palin.

© SZ vom 30.10.2010 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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