New York:"Get stuff done" - nur wie?

Lesezeit: 4 min

New York: New Yorks Bürgermeister Eric Adams bei einer Gedenkveranstaltung für Michelle Go, die vor eine U-Bahn gestoßen wurde und starb.

New Yorks Bürgermeister Eric Adams bei einer Gedenkveranstaltung für Michelle Go, die vor eine U-Bahn gestoßen wurde und starb.

(Foto: Jeenah Moon/Reuters)

Morde, Überfälle in der U-Bahn, ein tödliches Feuer - Eric Adams hat das Amt des New Yorker Bürgermeisters in schweren Zeiten übernommen. Und dann verspielt er auch noch in Rekordzeit seinen Vertrauensvorschuss. 

Von Christian Zaschke, New York

Nicht weit von dort, wo Eric Adams sich im Herzen Manhattans in den frühesten Stunden des 1. Januar 2022 als 110. Bürgermeister von New York hat vereidigen lassen, fand vor Kurzem ein abscheuliches Verbrechen statt. Die 40 Jahre alte Michelle Go wurde an der U-Bahn-Station am Times Square von einem Mann auf die Gleise geschubst und von einem heranrollenden Zug überfahren. Sie erlag ihren Verletzungen. Der Täter stellte sich wenig später, und Adams, der sehr neue Bürgermeister, rief den Einwohnern der Stadt zu, dass sie in der Subway dennoch keine Angst zu haben brauchten.

Aber stimmt das?

Adams hatte für seine Vereidigung den wohl symbolischsten Ort in New York City ausgewählt. Am Times Square blinkt und leuchtet die Stadt wie nirgendwo sonst. Während der Zeremonie hielt Adams ein Foto von seiner Mutter in die Kameras. Genauer gesagt: Er hielt ein Foto in die Kameras, das ein Brandy-Glas zeigte, auf das ein Bildnis seiner Mutter gedruckt war. Er ist, wie sich wenig später erneut herausstellen sollte, ein Familienmensch, und er versprach, dass nun eine neue Zeit in der Stadt anbreche. Sein Motto sei: "Get stuff done." Dinge auf die Reihe kriegen.

Es gibt in der Tat viel zu tun in New York City. Seit Beginn der Pandemie steigt die Verbrechensrate kontinuierlich. Im Jahr 2021 registrierte die Stadt 485 Morde, das ist die höchste Zahl seit zehn Jahren. Dazu kommt, dass die Zahl der Übergriffe im U-Bahn-System deutlich zugenommen hat, obwohl die Zahl der Fahrgäste wegen der Pandemie deutlich gesunken ist.

Die für die New Yorker U-Bahn zuständige Behörde MTA registrierte im Jahr 2021 ungefähr die Hälfte an Fahrgästen im Vergleich zu vorpandemischen Zeiten. Sie registrierte ebenso acht Morde und acht Vergewaltigungen. Dazu kamen nach MTA-Angaben 461 Überfälle. Das sind die höchsten Zahlen seit den späteren 1990er-Jahren. Adams betont, das sei kein Grund zur Sorge. Aber wer in diesen Tagen mit der Subway fährt, der sieht, wie sich alle von der Bahnsteigkante fernhalten.

Die Pläne für ein kleineres Polizeibudget sind wohl hinfällig

Doch die Angst der U-Bahn-Passagiere ist bei Weitem nicht das einzige Problem, mit dem sich Adams konfrontiert sieht. An diesem Montag hat er verkündet, dass er eine Einheit von Zivilpolizisten wieder einsetzt, die gegen illegalen Waffenbesitz vorgehen soll. Diese Einheit war von Adams' Vorgänger Bill de Blasio 2020 abgeschafft worden, weil der Vorwurf im Raum stand, sie würde vor allem gegen Afroamerikaner und Latinos vorgehen. Adams hat beschlossen, diese Einheit schnell zurück auf die Straßen zu bringen. Als Zeitrahmen nannte er die kommenden drei Wochen.

Adams, selbst Afroamerikaner, zählt zum konservativen Flügel der Demokraten. Er hat lange in New York als Polizist gearbeitet. Ursprünglich hatte er gesagt, dass er sich um eine Reform, sprich: Verkleinerung des Polizeibudgets, bemühen wolle. Nun sieht es so aus, als stehe dem die Realität im Weg.

Ende der vergangenen Woche ist im Stadtteil Harlem auf zwei Polizisten geschossen worden. Sie waren wegen eines häuslichen Streits gerufen worden. Einer der Polizisten, Jason Rivera, starb am Einsatzort. Sein Kollege Wilbert Mora starb am Dienstag im Krankenhaus. Es gab in Harlem Demonstrationen, und zwar - eine Art Wunder in New York - für die Polizei. Adams sagte, er werde sich darum kümmern, dass so etwas nicht wieder passiere. Was wiederum heißt, dass es wohl ausgeschlossen ist, dass er das Budget der Polizei kürzt. Eher im Gegenteil.

Dazu kommt: Vor rund eineinhalb Wochen starben bei einem Brand in einem großen Wohnhaus im Stadtteil Bronx 17 Menschen, darunter acht Kinder. Das wirft Fragen danach auf, unter welchen Bedingungen ärmere Menschen in New York City leben müssen. In den teuren Gegenden wie der Upper East Side in Manhattan wäre das sicherlich nicht passiert.

Bürgermeister Adams hatte den New Yorkern aber unter anderem exakt zwei Dinge versprochen: gegen die Gewalt in der Stadt vorzugehen und gegen die krasse soziale Ungleichheit. Das hatte sein Vorgänger de Blasio auch schon versprochen, aber in acht Jahren Amtszeit nichts erreicht. Deshalb sind die beiden Fälle die erste Bewährungsprobe für Adams.

Ein lukrativer Job für den eigenen Bruder

Adams hatte - offenbar ganz der Familienmensch, der er ist - als eine seiner ersten Amtshandlungen seinem Bruder Bernard den Job als Sicherheitschef des Bürgermeisters zugeschanzt. Dieser Job ist mit 210 000 Dollar im Jahr dotiert. Als Vorwürfe des Nepotismus laut wurden, gab sich Adams überrascht. Er brauche in dieser Position jemanden, dem er vollkommen vertraue, sagte er. Seinen eigenen Vertrauensvorschuss hatte er damit in Rekordzeit verspielt.

Und: Nicht nur hatte New York im Januar den Tod der Polizisten Jason Rivera und Wilbert Mora und den von Michelle Go zu verkraften. In der Bronx starb ein Baby während einer Schießerei, weil es von einem Querschläger getroffen wurde. Bei einem Raubüberfall wurde eine 19 Jahre alte Angestellte eines Burger-King-Restaurants getötet. In den Stadtteilen Staten Island, Harlem und in der Bronx wurden weitere Polizisten bei Schießereien teils schwer verletzt.

Mit der zum Wochenbeginn verkündeten Rückkehr der zivilen Einheit, die gegen illegalen Waffenbesitz vorgeht, versucht der ehemalige Polizist Adams nun, sein Profil als Mann von Recht und Ordnung in Zeiten der Unruhe zu schärfen. "Wir werden die Stadt nicht den wenigen Gewalttätigen überlassen", sagte er. Wie zivil diese neue Einheit sein wird und welche Befugnisse sie genau hat, blieb einstweilen unklar. Man werde sie "irgendwie" identifizieren können, versprach der Bürgermeister.

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