New York Beste Lage für ewige Ruhe

In der US-Metropole werden freie Gräber knapp - und teuer.

Von Claus Hulverscheidt

Wer in New York nach einer harten Arbeitswoche von einem Spaziergang im Grünen träumt, die Heerscharen im Central Park aber meiden will, ist auf dem Calvary-Friedhof im Bezirk Queens bestens aufgehoben: grüne Hügel, Alleen, zahllose Gips-Heilige und tönerne Putten - und das alles vor der ikonischen Skyline Manhattans mit dem Empire State Building in der Mitte. Schon Ende des 19. Jahrhunderts nutzten die Bewohner der Stadt ausgerechnet die Ruhestätten der Toten, um neue Lebenskraft zu tanken.

Ruhe allerdings findet man auf vielen Gräberfeldern heute nicht mehr, der dorfgroße Calvary-Friedhof etwa wird gleich von zwei Schnellstraßen und einem Autobahnkreuz durchschnitten. Die Zahl der Lebenden ist mittlerweile so groß, dass sie mit ihren Häusern und Läden, Straßen und Schienen den Entschlafenen dicht auf die Pelle gerückt sind. 8,6 Millionen Menschen leben in New York, fast 60 000 sterben im Jahr - und auch wenn sich viele von ihnen an jenen oft fernen Orten bestatten lassen, von denen aus sie einst an den Hudson River kamen, wird es auf den weit mehr als 100 Friedhöfen der Stadt schon in wenigen Jahren praktisch keine freien Plätze mehr geben. Die letzte neue Begräbnisstätte wurde 1980 angelegt.

Besonders düster sieht es in Manhattan aus, dem rappelvollen und zugleich kleinsten der fünf New Yorker Stadtteile. Schon 2008, fünf Jahre vor seinem Tod, zahlte Ex-Bürgermeister Ed Koch für eine der letzten Grabstellen in der "City" die damals unerhörte Summe von 20 000 Dollar, weil ihn, wie er sagte, "der Gedanke verunsichert, Manhattan dauerhaft zu verlassen". Heute sind solche Zahlen fast normal, von einem "morbiden Immobilienpreisboom" auf den Gottesäckern der Stadt ist die Rede. Auf dem Green-Wood Cemetery in Brooklyn, einem der schönsten und mit 600 000 Gräbern größten Friedhöfe, kosten die letzten verfügbaren Erdbestattungsstellen mittlerweile mindestens 19 000 Dollar - 60 Prozent mehr als vor sechs Jahren. Selbst Urnenstätten sind erst ab 5500 Dollar zu haben. Dafür ruht man in der Nähe einstiger Stars wie dem Dirigenten Leonard Bernstein und dem Maler Jean-Michel Basquiat.

Wegen der Misere - und weil es in den USA für wirklich alles einen Markt gibt - haben die New Yorker längst damit begonnen, Grabstätten bei Ebay oder auf anderen Online-Marktplätzen zu handeln. Angebote fürs Stadtgebiet jedoch sind auch hier rar, das Gros der Offerten kommt aus den umliegenden Landkreisen. Welcher New Yorker aber will schon "Upstate" begraben sein oder gar in New Jersey? Das wäre so, als würde man einem Berliner eine Grabstätte in Neuruppin anbieten oder einem Münchner in Fürstenfeldbruck.

Doch neben den Kunden in spe beklagen auch die Friedhöfe selbst den Platzmangel, denn der Verkauf neuer Grabstellen war lange eine ihrer zentralen Ertragssäulen. Bestehende Gräber dürfen sie erst wiederveräußern, wenn sich seit 75 Jahren kein Angehöriger mehr gemeldet hat. Mancher Betreiber experimentiert daher längst mit neuen Erlösquellen: Lesungen, Konzerten, Hochzeiten gar oder "Death Cafés", die es auch in Deutschland schon gibt: Salon-Nachmittage, bei denen Trauernde oder einfach Neugierige miteinander über den Tod diskutieren - bei Kaffee und Kuchen.