Wie viele Menschen, die in Wien aufgewachsen sind, war ich im Sommer oft am Neusiedler See. Von der österreichischen Hauptstadt aus ist er nur eine gute Stunde entfernt, hat aber alles, was ein Erholungsgebiet braucht. Natur, Weite und natürlich Wind. Der ist perfekt zum Segeln oder Surfen, was man früher sogar im Rahmen von Schulsportwochen beigebracht bekam. Weshalb der Neusiedler See auch gerne „Meer der Wiener“ genannt wird.
Damals schon war mir klar, wie besonders dieses Gewässer ist. Der Neusiedler See ist sehr seicht und leicht trüb, eingefasst von einem manchmal kilometerbreiten Schilfgürtel, in dem Hunderte Vogelarten unterwegs sind. Denn anders als man es im Alpenland Österreich vermuten würde, ist der Neusiedler See ein Steppensee. So wie man sie normalerweise eher viel weiter östlich findet. Was ich erst heute nach einer langen Recherche weiß: Der Naturraum ist nicht nur bedroht, sondern die Ideen, wie man den See bewahrt, gehen auch extrem auseinander. Manche befürchten sogar, dass ausgerechnet die Rettung sein Ende sein könnte.
Fest steht, dass der Klimawandel Österreich mit voller Wucht treffen könnte. Dem sogenannten Zweiten Österreichischen Sachstandbericht zum Klimawandel, einer umfassenden, neuen Studie über die Klimawandelfolgen, ist zu entnehmen, dass die Temperatur in Österreich seit 1900 stärker gestiegen ist als im globalen Durchschnitt. Extremwetterereignisse wie Dürren oder Starkregen nehmen zu. Eine solche Situation gab es am Neusiedler See im Sommer 2022. Der war so heiß und trocken, dass der Wasserstand des ohnehin nur knapp 1,5 Meter tiefen Sees um Dutzende Zentimeter absank. Die Folgen: rissige, trockene Schlammflächen, der Schilfgürtel wurde nicht mehr vom Wasser umspült und vertrocknete stellenweise, Fische starben. Und natürlich aus Sicht von Tourismusverantwortlichen: sehr hässliche Bilder. Das Meer der Wiener glich mancherorts einer riesigen Pfütze. Und auch nach diesem eher mauen Sommer ist der Wasserstand des Sees noch immer tiefer, als er sein sollte.
Schon länger überlegt man daher, was man tun kann. Die Idee der politischen Verantwortlichen: Man leitet Wasser von außen in den See. Genauer gesagt über Rohrleitungssysteme aus der Donau. Das wurde von diversen Sachverständigen durchgerechnet und klingt ja auch logisch: Wenn an einem Ort Wasser knapp ist, holt man es von einem anderen, der Wasser hat. Doch so einfach ist das offenbar alles nicht. Denn das Wasser des Neusiedlers Sees hat eine sehr spezielle Zusammensetzung und ist leicht salzhaltig. Dieser Chemismus, wie Experten das nennen, könnte durch Süßwassserzufuhr von außen aus dem Gleichgewicht geraten und etwa überschießendes Algenwachstum und mehr anfallenden Schlamm zur Folge haben. Naturschützer befürchten sogar, dass durch eine Wasserzufuhr alles noch viel schlimmer wird, und fordern, dass der See so bleiben darf, wie er ist. Auch auf die Gefahr hin, dass er vielleicht stärker austrocknet.
Es ist also alles unendlich komplex. Der Neusiedler See ist ein gutes Beispiel dafür, was mit dem Voranschreiten des Klimawandels auf die Verantwortlichen zukommt. Dass selbst die Maßnahmen, die man mit den besten Absichten ergreift, zur Verschlimmbesserung beitragen können.
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