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Neuseeland:Weiterleben, trotz Kugeln im Körper

Überlebende schildern im Prozess gegen den Attentäter von Christchurch teils sehr emotional die Folgen der Tat für ihr Leben.

Der Attentäter, der im neuseeländischen Christchurch 2019 bei Angriffen auf zwei Moscheen mehr als 50 Menschen tötete, hatte offenbar noch eine dritte Moschee angreifen wollen. Dies geht aus der Rekonstruktion des Tathergangs hervor, den Staatsanwalt Barnaby Hawes am Montag beim ersten Tag der Anhörung vor dem Gerichtsurteil gegen den geständigen Angeklagten Brenton T. vorgetragen hat. Dem 29-jährigen bekennenden Rassisten wird vorgeworfen, am 25. März vergangenen Jahres 51 Menschen getötet und 50 weitere teils schwer verletzt zu haben. Außerdem wird ihm Terrorismus zur Last gelegt.

Wie der Staatsanwalt weiter vortrug, habe Brenton T. für die Taten mehrere Waffen so verändert, dass er schneller schießen konnte, um möglichst viele Muslime zu töten. Nach den Angriffen in der Al-Nur-Moschee und im Linwood Islamic Centre habe er noch zu einer dritten Moschee südlich der Stadt fahren wollen, so Hawes. Zudem habe T. geplant, die Moscheen in Brand zu setzen. T. hatte seine Taten mit einer Helmkamera live ins Internet übertragen.

Der Montag gehörte vor Gericht aber vor allem den Überlebenden der Attentate und Angehörigen der Getöteten. So wurden 24 Erklärungen verlesen, in denen Betroffene teils sehr emotional von den Folgen der Taten auf ihr Leben berichteten. Einer von ihnen überlebte, obwohl er von neun Kugeln getroffen wurde, weil er sich tot stellte. "Ich wusste, dass ich sterben würde, wenn ich mich bewegt hätte", sagte er vor Gericht. Sechs Kugeln konnten aus seinem Körper entfernt werden, drei trägt der Mann bis heute unter der Haut. Der Mann ist seit dem Massaker arbeitsunfähig. Die Opfer haben Wurzeln unter anderem in Bangladesch, Syrien oder Pakistan. Manche lebten seit vielen Jahren in Neuseeland, andere erst seit ein paar Wochen.

Am kommenden Donnerstag soll Richter Cameron Mander den Urteilsspruch verkünden. Bis dahin wollen mehr als 60 Menschen das Wort ergreifen. Damit möglichst viele Betroffene in Christchurch dabei sein können, hat Neuseelands Regierung die Reisebeschränkungen wegen Corona teilweise gelockert. Der aus Australien stammende Angeklagte kam am Montag noch nicht zu Wort. Er wurde mit Fesseln an Händen und Füßen ins Gericht geführt. Die Anhörungen werden nicht vom Fernsehen übertragen, weil das Gericht verhindern will, Brenton T. damit möglicherweise eine Bühne für seine Theorien und die Verbreitung von Hassreden zu geben. Der Australier hatte sich im vergangenen März in allen Anklagepunkten für schuldig erklärt, dadurch bedarf es nun nicht mehr eines langwierigen Prozesses.

Der Angeklagte soll sich Beobachtern zufolge die meiste Zeit ungerührt im Gerichtssaal umgesehen habe, er bestätigte, dass er auf Anwälte verzichten und sich selbst vertreten wolle. Ihm droht eine lebenslange Haftstrafe ohne Chance auf vorzeitige Entlassung.

© SZ vom 25.08.2020 / SZ, dpa

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