Neues vom Projekt #Kunstjagd:Heiße Spur: ein beschädigtes Bild

Kunstjagd Gemälde

14 Gemälde, die in Frage kommen: War eines davon das der Engelbergs?

(Foto: Follow the Money)

Unsere Suche nach dem im Dritten Reich verschollenen Gemälde geht weiter: Plötzlich gibt es eine vielversprechende Spur. Auch eine Frau mit Katze spielt eine Rolle.

Internationales Rechercheprojekt - Woche 3

Das Projekt #Kunstjagd, in dem das Rechercheteam von Follow the Money (FtM) versucht, ein im Dritten Reich verschollenes Gemälde einer jüdischen Familie aufzuspüren, geht in die dritte Woche. Hier berichten die FtM-Kollegen von den Stationen und Fortschritten ihrer Recherche:

Seit wir mit unserer Suche vor zwei Wochen begonnen haben, sind wir unserem Ziel, das verschollene Gemälde zu finden, noch nicht viel näher gekommen. Die Rückerstattungsakte von Paula Engelberg hat uns nicht weiter gebracht, die Spuren in Galerien sind bislang versandet oder benötigen noch weitere Recherche. Über die Auktionshäuser sind wir zwar auf weitere Gemälde des Künstlers Otto Theodor Stein gestoßen, aber keines davon ist das der Engelbergs. Einige von uns glauben immer weniger daran, dass wir das Bild wirklich finden können. Von dem Weg, den Paula Engelberg damals genommen hat, eine Abzweigung in die Zukunft zu finden, ist jedenfalls nicht einfach.

Das Projekt

Im Mittelpunkt des Projekts #Kunstjagd steht die Suche nach einem verschollenen Gemälde der Familie Engelberg. SZ.de begleitet die Recherchen in einem 360°-Schwerpunkt, in dem wir über Fortschritte informieren und den historischen Hintergrund beleuchten Die #Kunstjagd ist ein Projekt des Rechercheteams "Follow the Money" (FtM) sowie der Filmproduktion Gebrüder Beetz und den Medienpartnern BR, Deutschlandradio Kultur, ORF, SRF, Der Standard, Rheinische Post und SZ.de. Mehr auf www.kunstjagd.com und www.sz.de/kunstjagd.

Deshalb gehen wir nun den umgekehrten Weg: Wir versuchen, uns über Steins Bilder, die noch existieren, in die Vergangenheit zurückzutasten. Wir verlassen München und fahren über leere Autobahnen nach Liberec in Tschechien. Wir wollen uns dem Künstler Otto Theodor Stein annähern. In der Galerie Lázne, eröffnet vor einem Jahr im früheren Stadtbad, zeigen wir der Historikerin Anna Habanova das Schwestergemälde und erzählen ihr die Geschichte der Engelbergs. Habanova zweifelt an der Überlieferung, dass Paula Engelberg das Gemälde zusammengerollt habe, denn Stein habe oft auf Pappe und Karton gemalt. Und: "Warum sollte sie nur eines der zwei Gemälde weggegeben haben?"

Auf einmal beschäftigen wir uns mit Fragen, die uns anfangs nicht in den Sinn kamen oder die uns unsere Mitsuchenden über Whatsapp stellen. War es tatsächlich Öl auf Leinwand? Warum hat Paula das Gemälde aufgerollt, wenn es dadurch höchstwahrscheinlich beschädigt wurde? Kann es auch einen Halbakt gezeigt haben? Haben die Engelbergs beide Gemälde zur gleichen Zeit erworben? War es überhaupt ein Stein?

Bekannt mit Kandinsky und Klee

Wir fahren weiter nach Chemnitz, dorthin, wo Otto Stein die glücklichsten Jahre seines Lebens verbracht hat; dorthin, wo zur selben Zeit auch die Engelbergs wohnten. "Es gibt nur zwei Städte, in denen man arbeiten kann. Paris, wo man den Takt hat, jeden für sich arbeiten zu lassen, und Chemnitz, wo ich niemanden kenne, der mich bei der Arbeit stört", hat Stein in einem Brief geschrieben.

Der Großstadt überdrüssig, zieht Stein auf Empfehlung eines Mäzens nach Sachsen. In den 1920er Jahren rauchen hier die Schlote der Textilfabriken, bald schon wird es das sächsische Manchester genannt. Mit der Wirtschaft geht es bergauf und zu seinem Kundenkreis zählen viele Industrielle. Dass er in Chemnitz niemanden kennt, ändert sich schnell. Noch bevor er 50 Jahre alt ist, ist der Künstler über die Landesgrenzen hinweg bekannt, verkehrt unter anderem mit Kandinsky, Liebermann und Klee.

Sich selbst beschreibt Stein als malenden Lyriker, der seine Gegenstände durch grau verschleierte Farbigkeit entmaterialisiert. Wer seine Bilder genießen will, braucht Zeit - und das richtige Licht. Sperrt man sie weg, werden sie düster. Steins Kunst ist jedenfalls kein Fast Food.

Otto Stein ist Mitglied des Rotary Clubs und wohnt auf dem Kaßberg, einem beliebten Viertel unweit des Stadtzentrums, wie viele seiner Kunden. Etwa zwei Kilometer entfernt, in der Theaterstraße 29, wohnen die Engelbergs. Begegnete man sich zufällig? Oder vielleicht im Dunstkreis von Engelbergs Chef, dem Textilfabrikanten Theodor Sore? In der jüdischen Gemeinde wahrscheinlich nicht, denn Stein konvertierte früh zum Christentum, bezeichnete sich lieber als Paneuropäer und Kosmopolit und blickte eher kulturpessimistisch auf seine Zeit: "Die Welt wird heute vom Kaufmann regiert - und sieht auch danach aus. Frühere Zeiten haben Dome, die Bilder Rembrandts, die Symphonien Beethovens hinterlassen. Was wird von unseren bleiben? Würde man nicht sein Leben an der Staffelei zubringen, dann könnte man es im heutigen, von Phrasen zugedeckten Deutschland kaum ertragen."

Mitten hinein kracht die Wirtschaftskrise und in ihrem Fahrwasser die Nationalsozialisten. Für sie bleibt Stein Jude.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB