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Israel entert Frachter:Voll auf Angriff

Erst bedroht, dann geentert: Der irische Frachter "Rachel Corrie" ist von israelischen Marinesoldaten gestürmt worden. Das Schiff sollte Hilfsgüter in den Gazastreifen bringen. Vor wenigen Tagen hatte Israels Armee mehrere Aktivisten getötet.

Die israelische Marine hat ein weiteres Schiff mit Lieferungen für den abgeriegelten Gazastreifen gestoppt. "Die Soldaten sind mit vollem Einverständnis der Besatzung und Passagiere an Bord gegangen", behauptete eine Armeesprecherin.

Ein israelisches Kriegsschiff verlässt den Hafen von Aschdod. Dort will Israel die Hilfsgüter für Gaza untersuchen.

(Foto: afp)

Die pro-palästinensischen Aktivisten auf der aus Irland stammenden Rachel Corrie hatten zuvor Aufforderungen ignoriert, Kurs auf die israelische Hafenstadt Aschdod zu nehmen. Mit ihrer Aktion wollten sie gegen die seit drei Jahren anhaltende Blockade des Gazastreifens protestieren.

Das Schiff wurde nach Angaben der Sprecherin in den israelischen Hafen von Aschdod gezogen. Dort sollten die etwa 1200 Tonnen Hilfsgüter gelöscht und inspiziert werden. Danach würden sie in den Gazastreifen weitergeleitet.

Eine Sprecherin der Aktivisten sagte vor Beginn des Militäreinsatzes, israelische Kriegsschiffe würden ihrem Schiff seit etwa fünf Uhr (MEZ) folgen. An Bord befanden sich unter anderem der ehemalige stellvertretende UN-Generalsekretär Denis Halliday aus Irland und die nordirische Friedensnobelpreisträgerin Mairead Maguire.

Vorschläge ignoriert

Benannt ist das Boot nach der Menschenrechtskämpferin Rachel Corrie, die im Jahr 2003 von einem Bulldozer der israelischen Armee getötet wurde. Israels Außenminister Avigdor Lieberman hatte angekündigt, sein Land werde jeden Versuch unterbinden, die Blockade zu durchbrechen.

Israels Regierungssprecher Mark Regev warf den Aktivisten vor, politische und keine humanitären Ziele zu verfolgen. Sie hätten am späten Freitagabend Vorschläge der israelischen und der irischen Regierung ignoriert, die Güter an Bord des Schiffes den Bewohnern des Gazastreifens auf andere Art und Weise zukommen zu lassen. Daher sei klar, dass sie ein politisches Statement abgeben wollten, um das Hamas-Regime zu unterstützen, sagte Regev.

Auch die US-Regierung hatte die Schiffsbesatzung zuvor zur Kursänderung aufgerufen, um eine erneute Eskalation zu vermeiden. Der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats der USA, Mike Hammer, machte aber ebenfalls deutlich, dass auch Washington mit der Blockade des von der radikalen Hamas beherrschten Gazastreifens durch Israel nicht glücklich ist. "Die derzeitige Regelung ist nicht haltbar und muss geändert werden", sagte er am Freitagabend in Washington.

Die US-Regierung berate mit Israel, der Palästinenser-Regierung und internationalen Partnern über Möglichkeiten, mehr Hilfsgüter in den Gazastreifen zu liefern. UN-Hochkommisssarin Navi Pillay bezeichnete die Abriegelung des Küstengebiets als unrechtmäßig und forderte Israel auf, die Blockade des Küstenstreifens zu lockern.

Der Sprecher des israelischen Außenministeriums, Jigal Palmor, hatte bereits am Freitag angekündigt, dass Israel auch dem siebten Schiff der Solidaritätsflotte nicht gestatten werde, die Seeblockade zu brechen. "Gaza ist wegen der (radikal-islamischen Organisation) Hamas noch ein Kriegsgebiet und es gibt eine Blockade. Unsere Politik hat sich nicht geändert", sagte Palmor.

Der irische Frachter hatte unter anderem auch 560 Tonnen Zement an Bord. Israel lässt bislang keinen Zement in den Gazastreifen. Als Grund gibt die Regierung in Jerusalem an, dass die im Gazastreifen herrschende radikal-isalmische Hamas damit ihre militärischen Strukturen neu aufbauen könnte. Zementmangel ist nach Angaben von Hilfsorganisationen eines der größten Hindernisse beim Wiederaufbau des im Gaza-Kreig 2008/2009 zerstörten Gazastreifens.

Druck auf Jerusalem

Das Autopsie-Ergebnis der neun türkischen Aktivisten, die am Montag bei der israelischen Erstürmung einer Gaza-Flotte getötet wurden, könnte den Druck auf die Regierung in Jerusalem erhöhen. Bis auf eine Leiche wiesen alle Opfer mehrere Wunden von Schüssen aus kurzer Entfernung auf, zitierte die britische Zeitung Guardian aus dem kriminaltechnischen Untersuchungsbericht aus der Türkei. Die israelische Regierung sieht darin aber keinen Widerspruch zu ihrer Darstellung, dass die Soldaten nur aus Notwehr geschossen hätten.

Das israelische Vorgehen war international scharf kritisiert worden. Israel hat den Gazastreifen abgeriegelt, um Waffenschmuggel in das von der islamistischen Hamas kontrollierte Gebiet zu unterbinden.

Unterdessen haben Tausende Menschen in Istanbul gegen Israel demonstriert. Die Demonstranten skandierten Parolen wie "Israel sei verdammt", "Mörder Israel" und "Ein Auge für ein Auge, ein Zahn für ein Zahn. Rache!", als sie durch die türkische Metropole am Bosporus zogen. Mehrere Demonstranten forderten einen Abbruch der Wirtschaftsbeziehungen zu Israel. Türkische und palästinensische Fahnen waren ebenso in der Menge zu sehen wie Fotografien der getöteten pro-palästinensischen Aktivisten.