Neuer Gaza-Krieg Nur der Sprecher der Hamas scheint in allerbester Laune

Im Vergleich zum vorigen Waffengang im November 2012 beobachtet Cardon "eine Intensität der israelischen Angriffe, die sehr schnell ein sehr hohes Level erreicht hat". Deshalb gebe es auch so viele zivile Opfer - bei der Familie Kawara zum Beispiel oder auch in jenem Strandrestaurant mit dem fröhlichen Namen "Fun Time Beach", in dem am Donnerstagabend neun Menschen starben, die das Halbfinal-Fußballspiel zwischen Argentinien und den Niederlanden anschauen wollten. "Bei so heftigen Angriffen ist der Raum für Fehler einfach größer", sagt Cardon.

Hauptquartier des Schmerzes und der Sorgen

Heftige Klage führt er auch darüber, dass "wir unseren Job kaum noch machen können, weil sich die humanitären Helfer nicht mehr ungehindert im Gazastreifen bewegen können". Im Norden sei bereits ein Stützpunkt des Roten Halbmonds zum Ziel einer Rakete geworden, zwölf Verletzte habe es gegeben. Auch im Süden wurde ein Krankenhaus getroffen. Israel begründet solche Einschläge damit, dass die Hamas ihre Raketen ganz bewusst aus dicht bevölkerten Gegenden, aus den Hinterhöfen von Moscheen, Schulen oder Hospitälern abfeuere. Der Mann vom Roten Kreuz spricht von der Genfer Konvention, die Angriffe auf die Zivilbevölkerung verbietet und die humanitären Helfer schützt.

So ist das Schifa-Hospital zum Hauptquartier des Schmerzes und der Sorgen geworden - nur einer hier scheint allerbester Laune zu sein. Fauzi Barhum sitzt mit einem übers bärtige Kinn genagelten Lächeln auf einem Stuhl im Schatten und erklärt die Lage an allen Fronten. Barhum ist seit Langem schon der Sprecher der Hamas, und im Augenblick ist er sogar fast der einzige von der Hamas, der noch spricht. Die gesamte Führungsriege ist abgetaucht in den Untergrund, in ein weitverzweigtes Netz von Tunneln und Bunkern, das sie hier als "Stadt unter der Stadt" beschreiben. "Sie sind weit weg von den Besatzern, damit sie ihre Aufgabe weiter erfüllen können", erklärt Barhum.

Die Islamisten ziehen Kraft aus der Isolation

Seine Aufgabe ist es derweil, dem Volk und den Medien die neuesten Siege zu verkünden. "Der Feind ist hysterisch", meldet er, "er ist überrascht vom Willen, der Entschlossenheit und den Möglichkeiten der Hamas." Bis ins mehr als 150 Kilometer entfernte Haifa reiche der eiserne Arm der Organisation, und auch die israelische Atomanlage in Dimona sei im Visier. Dabei gehe es, so erklärt er, nur um Verteidigung: "Sie greifen uns an. Wir sind die Opfer, sie sind die Kriminellen."

Wer Fauzi Barhum zuhört, der die Hamas in ihrem Verteidigungskampf in direkter Nachfolge von "Churchill und de Gaulle" sieht, der bekommt eine Ahnung davon, wie sehr die Islamisten gerade aus der Isolation ihre Kraft ziehen. Die jüngst erst gebildete Einheitsregierung mit der moderaten Fatah von Präsident Mahmud Abbas im Westjordanland war eines der ersten Opfer dieses Krieges. Nun schimpft Barhum über "den arroganten Abu Mazen, wie Abbas bei den Palästinensern heißt, "der uns alleingelassen hat". Auch die restliche Welt kann ihm gestohlen bleiben - solange sich im Gazastreifen selbst nur die Menschen wieder um ihre vorher so verhasste Führung scharen. "Alle hier in Gaza unterstützen heute den Widerstand", prahlt Barhum.

Die Zeit des großen Zusammenrückens

Alle in Gaza? Ebaa Rezek schweigt kurz, dann lächelt sie ein wenig unfroh, schließlich nickt sie. Sie nennt sich selbst eine "Aktivistin", ist eine moderne und obendrein mutige junge Frau, die enge Jeans und kein Kopftuch trägt und sich für Gleichberechtigung und Menschenrechte einsetzt. "Ich habe bestimmt schon einen Haufen Ärger mit der Hamas gehabt", sagt sie, und man glaubt es sofort. "Aber das ist jetzt völlig irrelevant. Ich bin jetzt pro Hamas, denn sie verteidigt das Volk." Jeder Krieg bringe der Hamas "enorme Unterstützung und neue Legitimität". Und selbst wenn der Krieg vorbei ist und verloren geht, so erklärt sie, "werden die Leute den Kampf so schnell nicht vergessen".

Es ist die Zeit des großen Zusammenrückens und nicht die Zeit, über ideologische Unterschiede zu reden. "Solche Fragen pissen mich an", sagt sie. Mit verzweifelter Solidarität stellt sie sich hinter den Aufruf der Hamas an die Bevölkerung, sich als menschliche Schutzschilde auf die Dächer von Häusern zu stellen, um deren Zerstörung durch die israelische Luftwaffe zu verhindern. "Das ist doch das Abc des unbewaffneten Widerstands", sagt sie, "ich würde mir wünschen, dass das eine breite Bewegung wird."

Die Familie eines Hamas-Mitglieds in Beit Hanun hat eine solche Heldentat gerade vorgemacht. Es hatte in diesem Fall, wie das regelmäßig zur Vermeidung ziviler Opfer geschieht, eine Vorwarnung der israelischen Armee per Telefon gegeben mit der Aufforderung, das Haus sofort zu verlassen. Stattdessen aber sind die Bewohner aufs Dach geklettert. Die Rakete wurde dann trotzdem abgefeuert von einem israelischen Kampfflugzeug. Acht Menschen haben ihr Leben verloren.