Süddeutsche Zeitung

Wikileaks:Washington fürchtet Enthüllung

Die Internetplattform Wikileaks wird offenbar bald neue Dokumente veröffentlichen - diesmal diplomatische Protokolle. Das US-Außenministerium versucht den Schaden zu begrenzen und hat die eigenen Botschaften im Ausland alarmiert.

Mit einer bloßen Ankündigung hält eine Website Regierungen und diplomatische Missionen auf der ganzen Welt in Atem: Die Enthüllungs-Plattform Wikileaks will schon in Kürze, möglicherweise sogar noch am heutigen Freitag, neue Geheimdokumente veröffentlichen.

Es soll sich dabei um Hunderttausende, wenn nicht gar Millionen Dokumente aus der Korrespondenz zwischen dem amerikanischen Außenministerium und Botschaften in aller Welt aus den Jahren zwischen 2006 und 2009 handeln. In Washington fürchtet man offenbar, dass die Enthüllungen zu diplomatischen Verwerfungen führen könnten.

Der Nachrichtensender CNN berichtet, dass US-Botschaften rund um den Globus seit Monaten damit beschäftigt sind, ihre Korrespondenz mit dem Außenministerium aus der fraglichen Zeit zu analysieren. So soll versucht werden, den Schaden gering zu halten.

In den Dokumenten sollen Korruptionsvorwürfe gegen ausländische Regierungen und Berichte über geheime Regierungsabsprachen enthalten sein. Eine mit den Papieren vertraute Person sagte zu der Nachrichtenagentur Reuters, es handele sich auch um Berichte von US-Diplomaten in Europa und Ostasien, die für dortige Regierungen unangenehm seien. Desweiteren würden Politiker aus Russland, Afghanistan und den früheren Sowjetrepubliken Zentralasiens benannt.

Korruptionsfälle könnten bekannt werden

In verschiedenen Medien wird spekuliert, dass durch die Veröffentlichung Taktiken bekannt werden könnten, mit denen US-Diplomaten ausländische Regierungsvertreter unter Druck setzen, etwa bei der Aufnahme von Guantanamo-Insassen. Auch Korruptionsfälle könnten ans Tageslicht kommen.

"Diese Enthüllungen sind schädlich für die Vereinigten Staaten und unsere Interessen", erklärte das Außenministerium in Washington. Die diplomatischen Beziehungen der USA zu anderen Staaten würden kompromittiert, das Vertrauen in die USA werde untergraben, die nationale Sicherheit gerate in Gefahr.

Ein Außenamtssprecher erklärte, die Dokumente enthielten sensible Informationen, darunter auch Protokolle von Gesprächen zwischen US-Diplomaten und Vertretern anderer Staaten. Sollten die darin geäußerten Einschätzungen über die Beziehungen zwischen Staaten öffentlich gemacht werden, nehme das diplomatische Vertrauen schweren Schaden. Diplomatische Quellen würden kompromittiert, Karrieren ruiniert.

Ein nicht näher bezeichneter Beamter der US-Regierung warnt laut CNN sogar, es stünden Leben auf dem Spiel, sollten Informationsquellen enthüllt werden.

Um einen größeren Vertrauens- und Image-Schaden abzuwenden, sind amerikanische Botschaften dabei, ausländische Regierungen vor der Wikileaks-Enthüllung zu warnen.

Auch das US-Verteidigungsministerium ist beunruhigt. Mehr als 100 Mitarbeiter stehen dort bereit, um die veröffentlichten Dokumente auf mögliche Gefahren für das Land hin zu durchkämmen.

Erst im Oktober hatte Wikileaks nahezu 400.000 Militär-Dokumente aus dem Irak-Krieg aufgedeckt. Die nächste Veröffentlichung werde siebenmal so groß sein, kündigte Wikileaks in einer Twitter-Nachricht vom vergangenen Wochenende an. "Seit Monaten hoher Druck deswegen", heißt es in der Nachricht weiter.

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