Neue SZ-Serie:Alkohol, Affären, zerstörte Beziehungen

Lesezeit: 5 min

Die Auswahl der Kandidaten bedeutet keine Parteinahme. Und die Kandidaten haben selbstverständlich keinen Einfluss auf das, was aus ihrem Wahlkampf berichtet wird - Fehler, Rückschläge und Niederlagen inklusive. Es geht vielmehr darum zu schildern, was sich Bürgerinnen und Bürger davon erhoffen, Politiker zu werden oder zu bleiben. Und was sich damit für sie verändert, beruflich, privat.

2009 waren 30,9 Prozent der Abgeordneten Neulinge im Parlament, fast jeder dritte. In der FDP sogar fast jeder zweite. Nun müssen bei den Liberalen viele auch dann um den Wiedereinzug in den Bundestag bangen, wenn die FDP die Fünf-Prozent-Hürde schafft.

Politik als Episode? 970 Frauen bewarben sich 2009 um ein Mandat im Bundestag, 27,3 Prozent aller Kandidaten. 204 schafften den Einzug ins Parlament, mit 32,8 Prozent ist der Anteil weiblicher Abgeordneter im Bundestag in dieser Legislaturperiode höher denn je. Sind Frauen die besseren Kandidatinnen? 90 Prozent der Abgeordneten, die 2009 gewählt wurden, haben eine Hochschule besucht. Ein Parlament der Akademiker?

Der Weg nach Berlin ist demokratisch. Und mühsam. Er sieht mehrere Abstimmungen vor, die in der Regel im Ortsverband beginnen. Schon die Nominierungen für die Wahlkreiskandidatur sind in den Parteien bisweilen hart umkämpft. Platzhirsche müssen sich Herausforderern stellen. Flügelkämpfe und Richtungsstreit gibt es auch im Kreisverband. Der Wahlkampf kostet Zeit, Nerven und natürlich auch Geld - wer bezahlt das eigentlich?

Und was erwartet die neuen Abgeordneten am Rande des politischen Betriebes? Wolfgang Kubicki, einst FDP-Abgeordneter im Bundestag, hat 2010 in der Zeit seine Erfahrungen geschildert: ,,Das Leben in Berlin sieht doch so aus: Sie sind den ganzen Tag unter Druck, abends wartet Ihr Appartement auf Sie, sonst niemand.'' Alkohol, Affären, zerstörte Beziehungen, so fasste Kubicki das Elend aus seiner Sicht zusammen. Doch es soll auch angenehmere Erfahrungen geben. Und selbst Kubicki liebäugelte zwei Jahre später schon wieder mit einer Kandidatur.

Der Bundestag verspricht politischen Aufstieg, vielleicht Regierungsbeteiligung. Aber das Dasein als Abgeordneter, wenn es ernst genommen wird, ist auch ein Sieben-Tage-Job, in Berlin, vor allem auch im Wahlkreis. Abgeordneter zu sein, das heißt auch, Verantwortung zu übernehmen, für teure Entscheidungen, in ethischen Fragen - oder für die Entsendung der Bundeswehr ins Ausland. Wer sind die Leute, die sich darum bewerben? Und wissen sie überhaupt, was sie tun?

Norbert Lammert, an jenem Oktobertag 2009 wiedergewählter Bundestagspräsident, stellte seinerzeit in seiner Antrittsrede fest: "Das parlamentarische System in Deutschland hat im eigenen Land nicht den gleichen guten Ruf, den es fast überall auf der Welt genießt." Richtig sei aber auch, dass die Arbeit der Parlamente "nicht immer so gut ist, wie sie sein könnte". Tatsächlich hat der Bundestag auch aus eigenem Verschulden gegen wachsendes Desinteresse zu kämpfen.

Nur an solchen Tagen, an denen über inhaltliche Abstimmungen auch leichter verständliche Machtfragen gestellt werden - etwa nach der Mehrheit einer Koalition in der Euro-Krise -, richtet sich die Aufmerksamkeit von Medien und Bürgern stärker auf das Parlament. Trotzdem bleibt der Bundestag - ungeachtet der Talkshowschwemme - der zentrale Ort für die politischen Debatten. Und vor allem für die Entscheidungen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB