bedeckt München 31°

Neue Macht des ägyptischen Militärs:Zweifel gelten als Verrat

Ägypten Gewalt Muslimbrüder Militärregierung

Ägyptische Sicherheitskräfte vor dem Verfassungsgericht in Kairo.

(Foto: dpa)

Ägyptens Revolutionäre von 2011? Verstummt oder verstört. Institutionen der Mäßigung? Liegen nun auf Linie des Militärs. Nach fünf Tagen mit 1000 Toten zeigt sich: Der Sicherheitsapparat ist zurück im Zentrum der Macht, die Politik ist fast komplett kollabiert.

Er ist hundemüde, er hat seit zwei Tagen nicht geschlafen. Und obwohl das Verhältnis der westlichen Presse zur ägyptischen Polizei nie gut und derzeit sehr angespannt ist - um es freundlich auszudrücken -, zeigt der Beamte, nennen wir ihn Ahmed, die Schäden: Einschusslöcher im Zimmer des Kommandeurs der Polizeistation, einem Furnier-Paradies mit Plastikblumen und einer Beretta-Pistole als Feuerzeug.

Aber er zeigt auch die zerschossenen Scheiben, die Brücke, von der die Islamisten geschossen haben, das Minarett der Moschee am Ramses-Platz, wo sich Bewaffnete verschanzt haben. Nach fast 24 Stunden ist die Moschee ein Gefängnis, das Staats-TV zeigt Reihen von gefangenen Anhängern des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi. 173 Menschen starben bei Kämpfen zwischen Protestierenden und Sicherheitskräften.

Der Vorplatz der Moschee ist verwüstet, ein Aufmarschplatz für Panzer und eine Masse, die die Islamisten in der Moschee am liebsten zerreißen würde, Zäune sind herausgebrochen, Bretterbuden fliegenden Händler zerschlagen. Es ist eine Bahnhofsgegend, ziemlich heruntergekommen. Am Freitag hatten hier Bewaffnete vom Minarett geschossen. Und die Polizeistation unter der Brücke angegriffen.

Die Revolution, um alle Revolutionen zu beenden

In einer Pfütze vor dem Gebäude schwimmt eine Blutlache, drinnen wird ein Gefangener die Treppe hinaufgeführt. "Ich möchte bitte den General sprechen, ich möchte bitte den General sprechen", wiederholt er wie einen Abwehrzauber. Als ein Beamter ihm einen Tritt gibt, werden die Journalisten wegkomplimentiert. In einem der hinteren Zimmer sitzen noch weitere Gefangene. "Sie werden verhört", sagt er. "Es sind Arbeitslose darunter, Kinder, die die Muslimbrüder bezahlt haben, damit sie für sie auf die Straße gehen." Auch Ausländer sollen unter den Demonstranten sein, Syrer, Palästinenser, Pakistaner, nur gerade nicht in dieser Station.

Aber dennoch, obwohl Polizeistationen im ganzen Land angezündet werden, obwohl in den vergangenen Tagen mehr als 40 Beamte - bei vielen im Land verhasst, aber besonders bei den Islamisten - gestorben sind, sieht Ahmed das Gute: "Die Menschen unterstützen uns. Wir sind wieder beliebt."

Und dann sagt er nach etwas Nachdenken, aber deutlich zufrieden, etwas, was wie ein Schlüsselsatz für die furchtbaren Ereignisse in Kairo klingt, zumindest für die Überzeugungen im Sicherheitsapparat: "Endlich hat das Volk eingesehen, dass die Ereignisse vom 25. Januar 2011 ein Betrug waren." Die vermeintliche "Revolution", die gerade die Zerschlagung des Polizeistaats gefordert hatte, war, so sagt er, von den Muslimbrüdern angezettelt, um deren Führer aus dem Gefängnis zu holen. "Und so etwas darf nie mehr passieren."

Die Entmachtung Mursis nach den Massenprotesten am 30. Juni, so sieht es nicht nur er, sondern auch der gesamte Sicherheitsapparat, waren nicht die "Korrektur" oder eine "zweite Welle" der Revolution auf dem Weg zur Demokratie. Es war die Revolution, um alle Revolutionen zu beenden.