Neun Tage nach der verheerenden Sturzflut im Himalaja haben Rettungskräfte in Nepal zwei Menschen lebend aus dem verschütteten Tunnel eines Wasserkraftwerks geborgen. Die beiden Mitarbeiter des Betreibers der Anlage Upper Trishuli 3A seien zu einem Militärkrankenhaus in der Hauptstadt Kathmandu geflogen worden, teilte ein Armeesprecher mit. Die Zahl der Todesopfer infolge der Katastrophe in Nepal und Tibet stieg derweil auf mehr als 1300 an.
Einer der geretteten Männer leide unter einer „leichten Unterkühlung“ und habe klar kommunizieren können, sagte ein Armeesprecher. Der Zustand des anderen sei zunächst unklar gewesen.


Videos nepalesischer Medien zeigten, wie einer der Überlebenden schlammbedeckt aus einem geöffneten Schacht gezogen wird.
Er habe im Kontrollraum der Anlage gearbeitet, als die Flutwelle sich genähert habe, zitierte ein Vertreter der nepalesischen Armee den Überlebenden, Sanjay Sah. Er habe Dutzende Kollegen vor einem „schweren Dammbruch“ gewarnt und ihnen zugerufen, sich sofort in Sicherheit zu bringen. „Doch während ich versuchte, alle zu retten, lief mir die Zeit davon. Ich schaffte es selbst nicht mehr rechtzeitig heraus“, wurde Sah zitiert.
Vor der Bergung hätten die Rettungskräfte der Armee und Polizei ihre Aktionen intensiviert, nachdem sie Stimmen gehört hätten, wurde der Abgeordnete Shri Ram Neupane von der Zeitung The Kathmandu Post zitiert. Das Rettungsteam habe gerufen: „Keine Panik, wir sind hier, um Euch zu retten.“ Aus dem Schacht sei ein „Okay“ als Antwort gekommen.


Die Bergung der beiden Überlebenden verstärkt die Hoffnung im Land, weitere Menschen in den Tunnelsystemen der verwüsteten Wasserkraftanlagen finden zu können.
Weiterhin werden Hunderte in den Tunnelsystemen vermisst
Nach aktuellen Angaben der Abteilung für Elektrizitätsentwicklung wurden elf in Betrieb oder im Bau befindliche Wasserkraftwerke sowie eine Solaranlage von den Wasser- und Geröllmassen erfasst. Hunderte Beschäftigte werden noch vermisst. Viele von ihnen werden in den Stollen und Schächten der Anlagen vermutet.
Bei den betroffenen Anlagen handelt es sich um Laufwasserkraftwerke. Die Stollen dienen vor allem dem Transport von Wasser durch bergiges Terrain, um Höhendifferenzen wirksamer zu nutzen.
Als Auslöser der Sturzflut am 26. August gilt ein Abbruch großer Mengen an Gletschereis und Felsgestein im Grenzgebiet des Himalaja zwischen Nepal und Tibet. Experten sprechen auch von einer Eis-Felsgestein-Lawine.
Die Zahl der Todesopfer in Nepal stieg nach aktuellen Angaben der dortigen Polizei bis zum Freitagmorgen (Ortszeit) auf 1290. Es werden noch knapp 4800 Menschen vermisst, einschließlich 601 Ausländer. Die Zahl der Toten in Tibet wurden zuletzt mit 21 angegeben.
Unicef organisiert Luftbrückenflug mit 82 Tonnen Hilfsgütern aus EU-Beständen
Es wird in Nepal von Schäden in Milliardenhöhe ausgegangen. Die Schadensschätzung sei derzeit noch in Arbeit, sagte der Sprecher Prakash Pokhare von der Katastrophenschutzbehörde National Disaster Risk Reduction and Management Authority in Kathmandu.
Die EU-Kommissarin für Krisenmanagement, Hadja Lahbib, teilte mit, Europa unterstütze die Menschen in Nepal. „Wir werden Nepal dabei helfen, diese Tragödie nicht nur zu überstehen, sondern auch wieder aufzubauen. Stärker und niemals allein“, erklärte Lahbib.
Am Morgen landete nach Angaben der EU-Kommission ein zusammen mit dem UN-Kinderhilfswerk Unicef organisierter Luftbrückenflug in Nepal, mit 82 Tonnen lebenswichtigen Hilfsgütern aus EU-Beständen. Unabhängig davon senden demnach Deutschland, Luxemburg, Lettland und Norwegen Schutzausrüstung, medizinische Hilfsgüter und Notstromausrüstung.


