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Neonazis in Ostdeutschland:Sozialistische Mustersiedlung im Wandel

Oberbürgermeister Skora nimmt die Eröffnung der Ausstellung zum Anlass, um sich noch einmal zu entschuldigen für das, was damals geschah. Einige junge Leute aber sehen das offenbar anders. Sie stoßen Affenlaute aus, rufen den beiden Besuchern "Bimbo" und "Neger" hinterher, es fallen noch schlimmere Worte.

Offenbar sind Projekte wie "Mitwisser gesucht" bitter nötig. Auch versuchen rechtsradikale Gruppen immer wieder, in der Region Fuß zu fassen. So war am 1. Mai des vergangenen Jahres ein Aufmarsch von Rechtsradikalen in Hoyerswerda geplant. Ein Bündnis aus Vertretern aller Parteien stemmte sich dagegen, Bürger und Politiker besetzten den zum Aufmarsch vorgesehenen Platz, und der Oberbürgermeister, ein CDU-Mitglied, trat auf einer Kundgebung der Linkspartei den Rechten entgegen.

"Ich war wohl der erste CDU-Bürgermeister in Sachsen, der das gewagt hat", sagt Skora heute. Seine Stadt sei "kein Schwerpunkt der Rechtsradikalen mehr", sagt Skora. Andere sächsische Kommunen seien schlimmer betroffen. Seit der letzten Kommunalwahl sitzt jedoch auch im Stadtrat von Hoyerswerda ein NPD-Vertreter - eines von 30 Mitgliedern des Rates.

Im Schatten der "Schwarzen Pumpe"

Hoyerswerda gehört zu jenen Städten in Ostdeutschland, die nach dem Untergang der DDR mit besonderer Wucht von den Umbrüchen getroffen wurden. Ursprünglich ein Städtchen mit etwa 7000 Einwohnern, wurde der Ort nach dem Zweiten Weltkrieg zur sozialistischen Mustersiedlung ausgebaut: Es gab Braunkohletagebau in der Gegend, ein paar Kilometer entfernt entstand das Gaskombinat "Schwarze Pumpe" - und so zog es mehr und mehr Menschen in die Region. Anfang der achtziger Jahre war eine neue Stadt entstanden, die Kommune zählte 72.000 Einwohner.

Nach der Wende aber brachen die alten Industriezweige der Region zusammen, bis zu 150.000 Arbeitsplätze verschwanden, die Arbeitslosenquote kletterte auf 25 Prozent. Der Wiederaufbau war mühsam. Zunächst musste die Stadt sich gesundschrumpfen: "Wir haben die Ränder aufgegeben und versucht, die Lebensqualität in der Mitte zu stärken", sagt Skora.

Etwa 10.000 Wohnungen wurden abgerissen, mittlerweile zählt die Stadt nur noch 36.000 Einwohner. Auch die Arbeitslosenquote ist auf 12 Prozent gesunken. Die Situation hat sich stabilisiert, doch die Vergangenheit bleibt ein Vermächtnis. "Wir müssen tagtäglich an die Ereignisse von 1991 erinnern", sagt Bürgermeister Skora, "und nicht nur an runden Jahrestagen".

© SZ vom 16.09.2011/mikö
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