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Neonazis im Internet:Im Netz der Propaganda

Jedes Kind kann mitlesen, wenn Neonazis gegen Linke, Ausländer, Juden oder Menschen wie Mannichl hetzen: Das Internet ist für die Rechtsextremen längst das wichtigste Medium geworden.

Marc Felix Serrao

Der Spott der Szene ließ nicht lange auf sich warten, wie immer. Nur wenige Stunden nach der beinahe tödlichen Messerattacke auf den Passauer Polizeichef Alois Mannichl erschien auf "Altermedia", der tonangebenden deutschen Neonazi-Seite im Internet, ein Artikel, der mit den Worten begann: "Der Krug geht so lange zum Wasser, bis er bricht."

Rechte Gewalttaten je 100.000 Einwohner im Jahr 2007. Zum Vergrößern bitte klicken.

(Foto: SZ-Grafik)

Offiziell, heißt es da, "sind wir sicher die Letzten, die eine solche Tat begrüßen würden". Doch schon im nächsten Satz wird deutlich, auf wessen Seite der Autor steht: "Ein Hund, der immer wieder geschlagen und getreten wird, beißt schließlich auch irgendwann mal zurück." Seine Kommentatoren sind indes hin- und hergerissen. Viele bewundern den Täter ("Soviel Eier in der Hose hatten die Roten nie"), andere befürchten Stimmverluste der NPD ("Solche Aktionen können wir Nationalen vor dem Superwahljahr dringend gebrauchen!").

Noch vor wenigen Jahren wäre ein solcher Einblick in die rechtsextreme Szene Verfassungsschutzbeamten und investigativen Journalisten vorbehalten gewesen. Heute kann jedes Kind mitlesen, wenn Neonazis gegen Linke, Ausländer, Juden oder Menschen wie Mannichl hetzen. Im Falle des Polizisten war das übrigens schon seit Monaten und auf vielen Seiten der Fall.

"Das Internet ist das bedeutendste Kommunikationsmedium für Rechtsextremisten", heißt es beim Bundesamt für Verfassungsschutz. Die Szene nutze das Medium außer zur Selbstdarstellung auch zur internen Verständigung. Zur Menge ihrer Internetauftritte gibt es unterschiedliche Angaben. Die Verfassungsschützer haben in den vergangenen fünf Jahren im Schnitt etwa 1000 rechtsextremistische Seiten gezählt. Allerdings wertet die Behörde nur Internetpräsenzen aus, die von Deutschen betrieben werden. Bei dem vom Bundesfamilienministerium unterstützten Portal "Jugendschutz.net" zählt man alle deutschsprachigen Angebote.

2007 war hier das Rekordjahr: 1635 rechtsextreme Seiten. Das Jahr 2008 werte man noch aus, lässt Projektleiter Stefan Glaser wissen, die Tendenz sei aber schon deutlich: "Wir verzeichnen nicht nur mehr Szene-Angebote wie Websites von Neonazi-Kameradschaften und der NPD, sondern auch einen anhaltenden Missbrauch von jugendaffinen Web 2.0-Diensten zur Verbreitung rechtsextremer Propaganda."

Neben bekannten Seiten wie "Altermedia.info" oder "Widerstand.info" zählten die Jugendschützer 2007 mehr als 750 rechtsextreme Videos und Profile in "Web 2.0"-Angeboten, also Mitmach-Portalen wie YouTube oder SchülerVZ. Mal wird da die Waffen-SS gefeiert, mal ein indiziertes Rechtsrock-Lied hochgeladen. Wer am Montag bei YouTube beispielsweise nach der verbotenen früheren Band "Landser" suchte, erhielt 862 Treffer. Einer der ersten war das Lied "Schwarz, Weiß, Rot". Kleine Textprobe: "Kanaken, Zecken, all der Dreck, der kommt schon bald für immer weg."

Die professionellsten Seiten der Szene unterhält übrigens die NPD. Die rechtsextreme Partei hat das Potential des Internets längst erkannt. Auf ihren Seiten gibt es vom Mitgliedsantrag bis zum kostenfreien Download der "Schulhof"- CD alles, was die Rechtsextremen begehren. Der Unterschied zu den hasserfüllten und oft strafbaren "Web 2.0"-Einträgen ist der Tonfall. Wer hier nach strafbaren Inhalten sucht, wird kaum fündig werden. Das bestätigt auch der Verfassungsschutz: Seiten mit "Organisationsbezug" und Servern in Deutschland seien deutlich vorsichtiger als andere. Die neueste Seite aus dem NPD-Umfeld könnte kaum eine harmlosere Adresse haben: studentische-interessen.de.

© SZ vom 16.12.2008/gba
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