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Neonazi als Informant:Unkoordinierte Arbeit der Behörden

Etwa in dieser Zeit besorgte Thomas S., wie er selbst bereits gestanden hat, dem Trio auf Wunsch von Mundlos gut ein Kilogramm Sprengstoff; S. will nicht genau gewusst haben, wofür. Er war auch dabei, als Mundlos und Böhnhardt in braunen Hemden und Koppel in die Gedenkstätte Buchenwald einmarschierten. Die Gruppe bekam Hausverbot.

Immer wieder geriet Thomas S. damals in den Fokus der Polizei und des Verfassungsschutzes in Sachsen und Thüringen. Offenbar haben vor dem Berliner LKA schon andere Behörden versucht, Thomas S. zur Kooperation zu bewegen. Aus geheimen Akten geht hervor, dass der Staatsschutz in Brandenburg Ende August 1997 Thomas S. gebeten hat, ihn über Skin-Konzerte zu unterrichten. S. habe sich darüber "amüsiert". S. hat ausgesagt, dass 2003 "oder so" noch einmal zwei LKA-Beamte aus Thüringen und Sachsen zu ihm gekommen seien und nach dem Trio gefragt hätten. Er habe aber nichts gesagt. In dieser Zeit war er jedoch auch schon mit der Berliner Polizei im Geschäft.

An Thomas S. zeigt sich exemplarisch, wie die Behörden der verschiedenen Bundesländer weitgehend unkoordiniert gearbeitet haben. Und wie sie zwar lange Zeit dicht - vielleicht sogar zu dicht - dran waren an den Freunden und Unterstützern des Trios, es ihnen aber nicht gelungen ist, die drei zu finden.

Nach dem Abtauchen des Trios beteiligte sich Thomas S. am Vertrieb von CDs der Rechtsrock-Band Landser. Die Band wurde später als kriminelle Vereinigung verboten. Thomas S. packte damals vor den Ermittlern aus und machte sich so bei seinen braunen Kameraden unbeliebt. Sie sollen ihm eine ordentliche Abreibung verpasst haben. Vielleicht war das der Moment, an dem Thomas S. entschied, sich auf die Staatsgewalt einzulassen und ihren Schutz zu suchen. Im Landser-Prozess jedenfalls zeigte er sich kooperativ und kam mit einer Bewährungsstrafe davon.

Informanten trieben ihr eigenes Spiel mit den Behörden

In dem Prozess belastete S. auch Jan W., einen ehemaligen Kompagnon. Im Schutt des von Zschäpe nach dem Auffliegen des NSU in Brand gesetzten Hauses in Zwickau fanden die Ermittler dann seltsamerweise eine Vernehmungsakte zu Jan W. Auch er ist ein mutmaßlicher Unterstützer des Trios gewesen.

Unklar ist bisher, was genau Thomas S. als Spitzel der Berliner Polizei über das Trio und sein Umfeld erzählt hat - und wie ehrlich er dabei war. Im November 1999 berichtete ein anderer V-Mann - in diesem Fall einer des Verfassungsschutzes in Thüringen -, S. habe eine Spende für das untergetauchte Trio abgelehnt, weil die drei mittlerweile kein Geld mehr benötigen würden. Der NSU verübte, wie man heute weiß, etliche Banküberfälle, um sich zu finanzieren. Würde die Aussage der Quelle stimmen, könnte S. noch 1999 direkten Kontakt zum Trio gehabt oder zumindest von den Raubüberfällen gehört haben. Thomas S. hat jedoch in Vernehmungen gesagt, die Information von 1999 sei nicht richtig. Wenn er die Wahrheit sagt, würde also der andere V-Mann gelogen haben: So geht es zu in der Schattenwelt der Geheimdienste und des Staatsschutzes.

Die V-Mann-Enthüllung nährt nun den Verdacht, der Staat könnte selbst verwickelt sein in die Verbrechen des NSU. Bisher zeigt der Fall allerdings nur, dass all die Spitzel nicht geholfen haben und sie womöglich ihr eigenes, böses Spiel trieben. Das ist schlimm genug.

Auch für Thomas S. gilt die Unschuldsvermutung, und bisher fehlen klare Belege dafür, dass er die Terrorzelle nach seiner Hilfe als Wohnungsbeschaffer weiterhin gedeckt und unterstützt hat. Vielleicht war Thomas S. genauso überrascht wie die Öffentlichkeit, als sich Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nach einem missglückten Banküberfall selbst erschossen haben und so die NSU-Zelle aufgeflogen ist. Das war ausgerechnet am 4. November 2011. Thomas S. hatte Geburtstag.