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Vorarlberg:Das blaue Musterdorf

Nenzing im Vorarlberger Unterland ist mittlerweile so etwas wie das FPÖ-Vorzeigedorf geworden.

In Nenzing dominiert der FPÖ-Bürgermeister Kasseroler mit einer Politik, die proeuropäisch, integrationsfreundlich und ökonomisch erfolgreich ist. Doch selbst hier hat die Ibiza-Affäre ihre Spuren hinterlassen.

Im Nenzinger "Zack-Zack-Grill" herrscht schon prima Stimmung, noch bevor das Abendlicht im Vorarlberger Unterland verschwindet. Der Schnellimbiss an der Bundesstraße, gleich neben der Tankstelle, füllt sich rasch. Zwei ältere Frauen trinken im Stehen Weißwein und schauen drei stämmigen Männern zu, wie sie gut gebräunte Hähnchen mit den Fingern zerlegen. Die Biergläser leeren sich schnell und werden durch volle ersetzt.

In der Luft hängt eine Mischung aus Bratfett und Zigarettenrauch, der durch die geöffneten großen Fenster hereinzieht. Mit jedem Gast wird es lauter, die meisten kennen sich, alle sind per Du. Wer neu ist, wird auch geduzt und bekommt nach fünf Minuten schon einen Nusslikör aufs Haus. Prost und weg.

Wenn es so etwas wie die sprichwörtlichen "kleinen Leute" in der 6000 Einwohner zählenden Marktgemeinde Nenzing im Vorarlberger Oberland gibt, dann kommen sie hierher. Wenn man zu dieser frühen Abendstunde die Menschen im Imbiss nach ihrer politischen Präferenz fragt, hört man unisono: Blau, FPÖ.

Thomas gehört auch dazu, Mitte 40, mehrere Jahre beim Bundesheer Soldat, was er nun beruflich macht, will er nicht sagen - vielleicht macht er auch gar nichts. Die Ibiza-Affäre um den langjährigen FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache, na gut, nein, das war nicht gut, gibt er zu. Den Jörg Haider fand er besser als den gefallenen FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache, sagt er, aber sein Stimmverhalten bei der anstehenden Nationalratswahl will er trotzdem nicht ändern: "Einmal Blauer, immer Blauer!"

Ein paar hundert Meter weiter bergab, in Richtung Autobahn, wo der Sportverein an diesem Tag seinen 70. Gründungstag feiert, steht Florian Kasseroler vor dem Zugang zum Festzelt. Kasseroler ist der Hauptgrund, weshalb die Marktgemeinde Nenzing FPÖ-dominiert ist. Er machte aus dem landwirtschaftlich geprägten Ort eine Art Industriedorf, er saß nicht auf dem Geld wie seine Vorgänger von der konservativen ÖVP, Kasseroler investierte: Straßen, Schwimmbad, Bildung, Sporteinrichtungen. So erzählt es die frühere Grüne Gemeinderätin Hildegard Schlatter, international tätige Firmen siedelten sich an, Jobs entstanden, immer mehr Menschen zogen hier hin, es gibt inzwischen viele Pendler, die in der Schweiz oder in Liechtenstein arbeiten - die Nachbarländer beginnen gleich hinter dem imposanten Bergrücken im Westen, an dessen Fuß Nenzing liegt.

In der Kommunalpolitik dominiert die FPÖ entsprechend, im Gemeinderat stellt sie die absolute Mehrheit, die übrigen Sitze verteilen sich auf ÖVP und Grüne. Kasseroler wurde mit 73 Prozent zum Bürgermeister gewählt. Wie es bei Kasseroler innen aussieht, wüsste sie nicht, sagt die Grüne Schlatter, aber nach außen gebe er sich liberal und agiere geschickt.

So wurde Nenzing zum blauen Musterdorf, das die Parteioberen gerne besuchen, der neue FPÖ-Obmann Norbert Hofer hat auch schon vorbeigeschaut. Viel Abschauen konnten sich die Parteifreunde nicht, denn Kasseroler ist auch deshalb so erfolgreich, weil er eine Politik betreibt, die in wesentlichen Dingen das Gegenteil zur krawalligen, radikal rechten Linie der Bundespartei darstellt. Wer im Rathaus anruft, hört Beethovens Europahymne in der Warteschleife, Nenzing räumt seit Jahren bei Umweltpreisen ab, macht bei EU-Programmen mit, in Sachen Energieeffizienz und Bemühungen zur Klimaneutralität wirkt die Gemeinde verblüffend grün.

"Die Parteioberen wissen seit vielen Jahren, wie ich ticke"

Woanders in Österreich, vor allem im fernen Wien, blasen die Parteigranden wie Strache und der Scharfmacher Herbert Kickl alles, was mit Ausländern allgemein und Muslimen im Besonderen zu tun hat, maximal negativ auf - und das sehr erfolgreich. In Nenzing, wo man auch Frauen mit Kopftuch durchs Dorf laufen sieht, liegen die Dinge anders. "Negative Aussagen über Migranten wird man von mir nicht hören", sagt er. "So bin ich einfach. Die Parteioberen wissen seit vielen Jahren, wie ich ticke."

Dass das nicht nur so dahingesagt ist, kann man in Nenzing an vielen Ecken sehen. Vor ein paar Jahren hat Kasseroler dafür gesorgt, dass der türkisch-islamische Verein sein Glaubenszentrum am Ortsrand in einer Fabrik einrichten konnte - österreichweit gab es mächtig Wirbel. Die Wiener Wochenzeitung Falter, von den meisten FPÖlern innig gehasst, kürte Kasseroler darauf zum "Hero der Woche". Mittlerweile wird in den fünf Gemeindekindergärten früh auf Sprachförderung gesetzt, Englisch gleich noch dazu.

Kasseroler redet ausführlich über das Thema und er unterscheidet dabei nie zwischen heimischen Alemannen und den zugezogenen Türkischstämmigen, er spricht immer von "allen Kindern". Und wenn es um das Agieren des Grünen-Chefs und heutigen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen in der Ibiza-Affäre geht, fällt Kasseroler Lob leicht: "Er hat in einer schwierigen Phase einen kühlen Kopf bewahrt."

Florian Kasseroler

Regiert wie ein Liberaler - und hat Erfolg: FPÖ-Politiker Florian Kasseroler, der Bürgermeister von Nenzing in Vorarlberg

(Foto: Privat)

Das heimlich aufgenommene Video aus der vermeintlichen Oligarchen-Villa hat auch in Nenzing Spuren hinterlassen. Eine perfide Falle, ja, das sei es gewesen, sagen die älteren Weißweintrinkerinnen im "Zack-Zack-Grill". Aber die Theorien von K.-O.-Tropfen, und die Tatsache, dass Strache so tut, als ob eigentlich nichts Schlimmes in der Villa besprochen worden wäre? Gelächter. "Er hätte ja überhaupt nicht hingehen müssen", sagt die eine, "er ist schon selbst schuld an der Situation." Und im Billa-Supermarkt frotzelt die Kassiererin mit einem Kunden über die Vorstellung, dass Strache und Gudenus vielleicht schon "etwas intus" hatten, als ihr Flieger auf Ibiza gelandet ist.

Die von Strache als "bsoffene Gschicht" titulierten Aussagen auf Ibiza hält Bürgermeister Kasseroler für "katastrophal". "Politiker - und Journalisten", sagt er, "gehören schon jetzt zu den unbeliebtesten Berufsgruppen, nur Zuhälter sind noch schlechter angesehen". Alle Politiker würden pauschal für die Verfehlungen Einzelner verantwortlich gemacht. So würde es auch in der Kommunalpolitik immer schwieriger, junge Menschen dazu zu gewinnen, sich zu engagieren.

Was die FPÖ betrifft, hofft er bei der Nationalratswahl auf die Milde der Anhängerschaft. "Natürlich wollen wir keine ungarischen oder italienischen Zustände bei uns in Österreich", findet er, realpolitisch sei ja während der Türkis-blauen Regierungszeit "nichts von dem passiert, was in Ibiza gefaselt wurde".

Allerdings gibt es einen Hinweis darauf, dass die Blauen in ihrem Musterdorf beim anstehenden Urnengang durchaus Grund zur Sorge haben. Bei der EU-Wahl, knapp eineinhalb Wochen nach Veröffentlichung des Ibiza-Videos, wurde die ÖVP von Sebastian Kurz mit rund 28 Prozent stärkste Kraft, auf Platz zwei rückten die liberalen NEOS vor mit ihrer Kandidatin Claudia Gamon - einer gebürtigen Nenzingerin.

Und die FPÖ, die bei den Gemeinderatswahlen noch triumphale 55,9 Prozent verzeichnen konnte und bei der Nationalratswahl 2017 37 Prozent, stürzte ab. Sie erhielt nur noch 21 Prozent.

Dieser Text erschien zuerst auf SZ.de am 29. September 2019, dem Tag der Nationalratswahl. Die FPÖ verlor bei dem Urnengang österreichweit fast zehn Prozentpunkte. Auch in Nenzing, wo die Blauen 13,9 Prozentpunkte einbüßten, und auf 21,1 Prozent. Stärkste Kraft wurde die ÖVP (33,5 Prozent), auch Grüne (14 Prozent) und Neos (17,7 Prozent) legten deutlich zu.

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