Nelson Mandela und der Westen:Reagan blockiert Forderung nach Freilassung

Ohnehin gehen die Tories mit Mandela am strengsten ins Gericht: Abgeordnete nennen ihn in den Achtzigern "schwarzen Terroristen" oder fordern schlicht, ihn erschießen zu lassen. Noch 1987 bezeichnet Premierministerin Margaret Thatcher den ANC als "typische Terrororganisation". Wer glaube, dass die Organisation regieren könne, lebe "in einem Wolkenkuckucksheim". Thatcher ist nicht nur die erste Premierministerin seit Jahrzehnten, die 1984 einen südafrikanischen Staatschef empfängt, ihre Regierung wehrt sich lange Zeit auch vehement gegen die Verhängung eines Wirtschaftsembargos gegen das Land.

Die Logik, nach der die britischen Konservativen agieren, folgt der des Kalten Krieges: Die marxistischen Wurzeln des ANC und die Furcht vor dem sowjetischen Einfluss in den Nachbarländern machen das Apartheid-Regime automatisch zu einem Verbündeten.

Selbst die USA, aufgrund der eigenen Geschichte sensibilisiert, geben sich in den Reagan-Jahren mit kleinsten Zugeständnissen aus Pretoria zufrieden, nebenbei machen Unternehmen wie Ford und Coca-Cola gute Geschäfte im Land. Der Schmusekurs mit der weißen Regierung folgt auch der Logik des Kapitalismus.

Bei einem Besuch in Washington beschimpft der südafrikanische Bischof Desmond Tutu die Haltung der Reagan-Regierung deshalb als "unmoralisch, böse und absolut unchristlich". Er sagt die berühmten Sätze: "Du bist entweder für oder gegen Apartheid, und damit meine ich nicht nur rhetorisch. Du bist entweder auf der Seite der Unterdrückten oder auf der des Unterdrückers. Du kannst nicht neutral sein." Reagan bleibt stur - noch 1986 blockiert er einen Gesetzesentwurf des Kongresses, der die südafrikanische Regierung dazu auffordert, Mandela freizulassen und ihre Haltung zum ANC zu überdenken.

Die Eiserne Lady? "Warm und mütterlich"

Dass das Schicksal Mandelas und Südafrikas doch noch eine glückliche Wendung nimmt, ist dem Fall des Eisernen Vorhangs zu verdanken. Weil die weiße Regierung am Ende nicht mehr von strategischem Interesse ist, haben auch die einstigen Verbündeten keine Wahl mehr und unterstützen die Gleichberechtigung der schwarzen Mehrheit.

Als Mandela 1990 freikommt, besucht er wenige Monate danach Margaret Thatcher. "Warm und mütterlich" habe sie auf ihn gewirkt, erzählt er danach einem britischen Parlamentarier. Der fragt sich, ob Mandela wirklich bei der echten "Eisernen Lady" zu Gast war. 2006 entschuldigt sich schließlich der heutige Premierminister und Tory-Chef David Cameron bei Mandela für die Haltung der Thatcher-Regierung.

In den USA ist Mandela spätestens seit der Amtszeit Bill Clintons und seiner eigenen Präsidentschaft ein politisch umgarnten Popstar. Dennoch spürt er noch bis zum Jahr 2008 bei jeder Einreise, dass er einmal Persona non grata war: Bis zu diesem Zeitpunkt steht sein Name noch auf der internationalen Terrorliste der US-Regierung.

Franz Josef Strauß hingegen kann seine Meinung über die Rassenpolitik Südafrikas nicht mehr revidieren. Der bayerische Politiker stirbt am 3. Oktober 1988. Das von ihm hofierte Apartheitsregime überlebt ihn am Ende nur um wenige Jahre.

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