Nelson Mandela:Die Idee eines neuen Südafrikas wäre ohne Mandela nicht möglich gewesen

Xaso und andere erinnern in diesen Tagen noch einmal daran, wie das damals eigentlich war, wie hoch die Leistung Mandelas einzuschätzen ist. Das Ende der Apartheid war keine friedliche Revolution wie der Fall der Berliner Mauer. Das Land stand am Abgrund. Allein vom Beginn der Verhandlungen 1991 über das Ende des Regimes bis zu den ersten freien Wahlen 1994 starben bei Unruhen Tausende. Es gab weiße Terroristen und Schwarze, die andere Schwarze töteten, weil diese einer anderen Widerstandsbewegung angehörten als der eigenen. Es gab das weiße Militär, das über einen Putsch nachdachte. Es gab viel Blut und wenig Einigkeit.

Mandela war zwar als lebende Legende aus dem Gefängnis freigekommen, aber nur einer von mehreren Führern des ANC. Er wurde erst nach und nach zum großen Helden, an dem sich alle orientierten, seit er im Juli 1991 zum ANC-Präsidenten gewählt worden war. Es war ein Prozess aus vielen richtigen Worten, aus vielen Gesten, der erst das Vertrauen schuf. Was gewesen wäre, wenn Mandela damals nicht auf die Weißen zugegangen wäre, sondern sich einer der vielen Betonköpfe des ANC durchgesetzt hätte? Ein Bürgerkrieg wäre nicht unwahrscheinlich gewesen.

Was aber folgte, war das Gegenteil: die Idee einer Regenbogennation, ein neues Südafrika, das vom Paria zu einem Sehnsuchtsort wurde. All das wäre ohne Mandela nicht möglich gewesen. Der Umkehrschluss, dass nun alle Unzulänglichkeiten ebenfalls auf ihn zurückzuführen seien, mag für viele Schwarze verführerisch sein, deren Situation sich seit dem Ende der Apartheid nicht verbessert hat, richtiger macht es ihn dadurch nicht.

Lwando Xaso hat ein schönes Bild dafür, was sich seit dem Tode Mandelas verändert hat, nach seinen großen Leistungen. "Mandela ist Teil unserer Geschichte. Wir stehen auf seinen Schultern und können sehen, was er sah. Viel wichtiger aber noch: Wir können noch mehr sehen als er."

Mandela war ein Mann, der die übermenschliche Leistung vollbrachte, seinen Peinigern nach einem Vierteljahrhundert im Gefängnis zu verzeihen, der Südafrika in eine neue Zukunft führte. Ein begnadeter Befreier und Versöhner, aber auch ein Politiker, nach dem ansonsten wahrscheinlich kein Flughafen benannt würde.

Mandela schaute weg, wenn sich Genossen die Taschen vollstopften

Er blieb letztlich ein Befreiungskämpfer, der zwar verzeihen konnte, dem Kritik am ANC aber unverzeihlich war. All das, woran die Partei und die Bewegung heute kranken, die Korruption, die alles zerfrisst im Land, die Unfähigkeit der Kader, all das begann unter Mandela, der großzügig wegschaute, wenn sich die Genossen die Taschen vollstopften, der einem absurden Waffendeal zustimmte, für Waffen, die vor allem dem Zweck dienten, jene reich zu machen, die dafür Schmiergelder bekamen. Wenn schwarze Journalisten darüber berichteten, kritisierte er sie öffentlich.

Bis heute haben korrupte ANC-Kader die Haltung: Jetzt sind wir dran, jetzt dürfen wir es uns mal gutgehen lassen; was sind schon unsere kleinen Verfehlungen gegen das Unrecht, das uns die Weißen angetan haben? Mandela ließ reiche weiße Geschäftsleute in einen Fonds einzahlen, der nur für ihn bestimmt war, er ließ sich von den Reichen einladen, die dann von seiner Politik profitierten. Die moralische Instanz nahm es mit der Moral nicht immer so genau.

Das macht ihn vielleicht kleiner. Aber vor allem größer. Weil er eben auch ein Mensch war und kein Heiliger. Weil alles nicht einfach so passierte, vom Himmel fiel. Sondern von Mandela erkämpft, ertrotzt und erträumt wurde. Jetzt müssen andere weitermachen.

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