Nelson Mandela (1918-2013):"Die Zeit für Verhandlungen ist gekommen"

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Unabhängig davon arbeitete die Zeit für Mandela, für seinen Kampf gegen die Apartheid. 1989 folgte Frederik Willem de Klerk dem engstirnigen Pieter Willem Botha im Amt des Präsidenten. Nichts hatte zuvor darauf hingedeutet, dass sich unter ihm etwas an der rassistischen Politik seiner Vorgänger ändern könnte. Doch dann traf das Staatsoberhaupt eine einsame Entscheidung, die er noch nicht einmal seiner Frau mitgeteilt hatte: Völlig überraschend verkündete er am 2. Februar 1990 vor dem Parlament das Ende der Rassentrennung. Er kündigte die Aufhebung des Verbotes von illegalen Parteien und Organisationen, die Freilassung politischer Gefangener und die Abschaffung der Todesstrafe an. Dann sagte er: "Die Zeit für Verhandlungen ist gekommen."

De Klerk gab die Macht ab ohne geschlagen oder besiegt worden zu sein - am Verhandlungstisch und durch demokratische Wahlen. Die "Tage der Lüge", wie Südafrikas Literatur-Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer die Apartheid in ihrem ersten großen Roman nannte, waren gezählt.

Als sich am 11. Februar 1990 für Mandela das Gefängnistor öffnete, kam er mit 71 Jahren noch einmal zur Welt. Der ehemalige Hobbyboxer, der in der Schwergewichtsklasse hätte kämpfen können, war grau und schmal geworden. Doch alle Versuche seiner Peiniger hatten seinen Willen nicht brechen können. Nach 27 Jahren Haft hätte Mandela über das erlittene Unrecht verbittert sein, vielleicht gar auf Rache sinnen können. Ein paar flammende Reden von ihm hätten damals wohl gereicht, um das ganze Land in Brand zu stecken. Doch in seiner Gefangenschaft war er zum Staatsmann gereift. Rachegefühle waren ihm fremd. Stattdessen setzte er auf Vergebung und Versöhnung.

Wunderland Südafrika

Mandela und de Klerk arbeiteten in der Übergangszeit zusammen für ein besseres Südafrika. Gemeinsam verhinderten sie einen Bürgerkrieg, der durch rechtsextreme Afrikaaner und nationalistische Zulus drohte. Für "ihren Versöhnungswillen, ihren großen Mut und ihre persönliche Integrität" wurden beide 1993 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Aus allgemeinen Wahlen, an denen erstmals auch die Schwarzen teilnahmen, ging der ANC als weitaus stärkste Partei hervor. Am 10. Mai 1994 wurde Mandela in Pretoria als erster schwarzer Präsident Südafrikas vereidigt.

Doch das Land musste neu erfunden werden. "Löhne, Arbeitsplätze, Erziehung - eigentlich in jedem Bereich tut sich eine unerträgliche Kluft auf", sagte Mandela nach seinem Amtsantritt. Doch er versprach den Schwarzen nie das Paradies. Er wusste, dass es Zeit brauchen würde, bis sich die Lebensverhältnisse angleichen. Vielleicht, prophezeite er seinen Landsleuten, werden das erst eure Kinder erleben. Nach wie vor sind Südafrikas Probleme ungeheuerlich.

Noch immer leben im reichsten afrikanischen Land Millionen Schwarze in Elendsquartieren. Arbeitslosigkeit und die Kriminalitätsrate sind extrem hoch. Mandelas Nachfolger bekommen die Probleme nicht in den Griff, die ihr Vorgänger schon halb überwunden glaubte. "Vor fünf Jahren war Südafrika der Ausgestoßene der Welt", erklärte Mandela 1999 pathetisch nach dem Ende seiner Amtszeit. "Jetzt werden uns alle Türen weit geöffnet. Wir sind ein Wunderland geworden." Das heutige Südafrika als ein Wunderland, über dem dunkle Schatten liegen.

An seinem Lebensabend fand Mandela auch noch sein privates Glück. Er heiratete im Alter von 80 Jahren zum dritten Mal und entrichtete für die Ehe mit der 27 Jahre jüngeren Witwe des ersten Präsidenten des Nachbarstaates Mosambik standesgemäß 60 Kühe. Wenn er nicht gerade eine Auszeichnung für sein Lebenswerk entgegennahm, verbrachte er mit Graça Machel seinen Ruhestand in Johannesburg und vor allem in seinem Heimatdorf Qunu in der Transkei. Dort ließ er sich ein bescheidenes Haus bauen, das dem Bungalow nachempfunden wurde, in dem er die letzten Jahre seiner Haft verbrachte.

Auch am Ende seines Lebens wurde er von Schicksalschlägen nicht verschont: Sein Sohn Makgatho starb an den Folgen der Immunschwächekrankheit Aids - wie so viele andere Landsleute auch. Und am Vorabend der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 verunglückte seine 13-jährige Urenkelin Zenani tödlich bei einem Autounfall. Mandela sagte seine Teilnahme an der Eröffung des Turniers ab und zeigte sich nur kurz zur Schlussfeier.

Vom Häftling zum Staatsoberhaupt - ein beispielloser Lebensweg. "Er ist ein Symbol, aber kein Heiliger", sagte Graça zum 85. Geburtstag ihres Mannes, den sie in der Heimat oft nur "Madiba" nach seinem Clan oder "Tata", Vater, nannten. Er war der große Versöhner, eine Art Übervater für sein Land - und niemand weiß, wie Südafrika ohne ihn sein wird. Ein großer Mann - für sein Land, für die Welt - ist von uns gegangen.

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