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NBA:Der Border Collie bellt

Los Angeles Lakers v Phoenix Suns

Lonzo Balls Distanzwurf gilt, für Kritiker ein weiteres Betätigungsfeld, als extrem formunschön. An seiner Haltung beim Korbleger gibt es hingegen wenig auszuseten. Suns-Center Tyson Chandler darf sie aus nächster Nähe bestaunen.

(Foto: Christian Petersen/AFP)

Auf den verpatzten Saison-Start lässt der 19-jährige Lonzo Ball ein furioses Spiel gegen die Suns folgen.

Rapper Snoop Dogg gilt als großer Anhänger der Los Angeles Lakers. Und Laker-Fans wie er sind nach vier Spielzeiten in Serie mit weniger als 30 Saisonsiegen an enttäuschte Erwartungen gewohnt. Keine Playoffs, keine Showtime, dafür viel Tristesse. Vielleicht machte der Musiker nach der 92:108-Auftaktniederlage zum Start der neuen Saison am Donnerstag, ausgerechnet gegen die Clippers, den Stadtrivalen, deswegen auch einen recht entspannten Eindruck, als er sich in Atlanta bei der Aufzeichnung einer NBA-Sendung im Studio-Sessel fläzte.

Dabei war das erste Lakers-Spiel der Saison nicht bloß ein Auftakt wie jeder andere. Es sollte, zumindest dürften es viele Lakers-Fans sich so erträumt haben, der Beginn eines neuen lila-goldenen Zeitalters sein: der Ära Lonzo Ball. Jenes 19 Jahre jungen Burschen von der auch in Sachen Basketball namhaften Universität UCLA. Doch Ball enttäuschte. Sich, die Hoffnungen der Lakers Fans, Snoop Dogg. Nur seine Kritiker nicht. Landauf landab hatte Vater LaVar Ball seinen Sohn als den neuen Stern am Besketball-Himmel angepriesen - mit reichlich Resonanz, positiver wie negativer. Wenige bestreiten Balls großes Talent, doch vielen stößt die überhebliche Art des Vaters sauer auf.

Lonzo wird vom Vater ebenso aggressiv vermarktet und mit Erwartungen überfrachtet wie die jüngeren und zweifelsohne ebenfalls talentierten Brüder LiAngelo und LaMelo. Und sein Ältester, behauptet der Vater, sei schon jetzt so gut wie der zweifache Liga-MVP Stephen Curry und werde eines Tages so gut sein wie einst Magic Johnson. Oder gar, im Basketball quasi gotteslästerlich, so gut wie Michael Jordan.

Im Unterschied zur Summer League bekommt es Ball nun mit gestandenen Spielern zu tun

In der Saisonvorbereitung reüssierten die Lakers tatsächlich unter Balls Führung in der Summer League, wo sich neue mit noch wenig etablierten Spielern messen. Nach Anfangs durchwachsenen Leistungen erhielt Ball die MVP-Auszeichnung als wertvollster Spieler, die Lakers gewannen ihr Vorbereitungsturnier in Las Vegas. Ball, so schien es, würde nahtlos anschließen können an die herausragenden Leistungen, die er im College gezeigt hatte. Unter anderem hatte Ball in seiner ersten und einzigen College-Spielzeit eine neue UCLA-Bestmarke für die meisten Assists in einer Saison gesetzt.

Doch am Donnerstag, beim ersten Spiel der regulären Saison vor heimischer Kulisse, enttäuschte der im Draft an Position zwei ausgewählte Ball in fast allen Belangen. Zwar gelangen ihm neun Rebounds, aber eben auch nur ein Korb aus dem Feld bei sechs Versuchen und lediglich vier Vorlagen. Ein recht verhaltener Start für eine neue, große Lakers-Ära. Ein Grund: Im Unterschied zur Summer-League bekam Ball es mit gestandenen NBA-Spielern zu tun.

Sein Pointguard-Gegenüber bei den Clippers, Patrick Beverly, zehn Jahre älter und für seine Defensiv-Stärke bekannt. Er hatte es sich zum Ziel gesetzt, darum machte er in Interviews nach dem Spiel kein Geheimnis, Balls erstes reguläres NBA-Spiel für den Rookie zu einem Albtraum werden zu lassen. Er verteidigte, für erst in Schwung kommende NBA-Saisons eher unüblich, enorm aggressiv über das komplette 94 Fuß messende Basketballfeld. Und als Ball nach einem Rempler von Beverly an der Mittellinie auf dem Hintern landete und anschließend versuchte, sich zu sammeln, da wirkte er wie ein eingeschüchterter Pudelwelpe, den sein Herrchen in einen Käfig mit einem Pitbull-Terrier gesperrt hatte.

Einen ebenfalls aus dem Tierreich stammendes Gleichnis hatte, wie passend, auch Snoop Dogg parat. Er resümierte, Balls Vater LaVar habe seinen Sohn in die Löwengrube geworfen, bloß mit einer Unterhose aus Schweinkotelett am Leib. Weder der Vater, noch alle übrigen Beobachter müssten sich über die raue Gangart von Beverly wundern. Man könne davon ausgehen, so Snoop Dogg, dass sich Lonzo Ball auf weitere Terrier-Duelle einstellen darf, weil sich viele NBA-Veteranen von der lärmenden Art des Vaters persönlich provoziert fühlten. Rapper Snoop Dogg fügte seiner Analyse sinngemäß hinzu, es liege nun am 19-Jährigen zu beweisen, dass er selbst auch Kampfhund kann und nicht bloß ein Pudel im Basketballtrikot ist.

Magic Johnson, inzwischen Lakers-Präsident, hat Ball zum neuen Gesicht des Klubs auserkoren

Beim zweiten Saisonspiel am Freitag gegen die Phoenix Suns trat Ball zum Gegenbeweis an. Und spielte überragend. Mit 29 Punkten, elf Rebouns und neun Assists, war er nicht nur eine Vorlage von einem Tripple-Double entfernt, er führte seine Lakers auch zu einem 132:130-Auswärtssieg. Dabei erinnerte er weniger an einen Terrier denn an einen Border Collie. Den durchaus zum Nahkampf fähigen Hütehunden wird überdies die Fähigkeit nachgesagt, mit richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit ihre Herde im Griff zu haben.

Hatte im Spiel gegen die Clippers Lakers-Coach Luke Walton Ball in der nicht mehr spannenden Schlussphase vom Feld genommen, so waren es gegen die Suns die letzten Minuten des letzten Viertels, in denen der Rookie zeigte, dass die Hoffnungen in ihn doch berechtigt sein könnten. Wahlweise setzte er seine Mitspieler in Szene oder zog selbst mehrfach erfolgreich zum Korb - und schürte so den Vergleich zu Lakers-Ikone Magic Johnson.

Einige Parallelen zwischen Johnson und Ball sind nicht von der Hand zu weisen. Johnson gehörte auf seiner Position zu den größten Spielern in der NBA. Auch Lonzo Ball ist mit 1,98 Meter ein überdurchschnittlich großer Pointguard. Johnsons schlechte Quoten bei Distanzwürfen galten als der einzige Makel in seinem Spiel. Auch bei Ball zählt der Wurf als ausbaufähig, die Wurfform zumindest in optischen Belangen als nicht mehr zu retten. Inzwischen agiert Magic Johnson als "President of Basketball Operations" im Management der Lakers-Franchise. Sein Auftrag: den Lakers zu neuer Glorie verhelfen. Und für diese Mission hat die Legende höchstselbst Lonzo Ball auserkoren, das neue Gesicht, der Hirtenhund des Klubs zu sein.

Natürlich lässt nun ein gutes Spiel die kritischen Stimmen nicht über Nacht verstummen. Diese unken, nicht zu Unrecht, dass die ebenfalls sehr jungen Suns in der starken Western Conference eine viel geringere Rolle spielen als beispielsweise die Los Angeles Clippers. Dennoch hat Ball nicht nur bewiesen, dass er auch auf höchstem Niveau dazu in der Lage ist, zu brillieren und die Spieler um ihn herum besser zu machen. Er hat auch, für einen 19-Jährigen durchaus bemerkenswert, die mentale Stärke demonstriert, den Druck und die Erwartungen, die auf ihm Lasten, kanalisieren zu können.