Nazis hacken KZ-Gedenkstätten-Homepage Anschlag auf die Erinnerung

"Verleugnung, Bedrohung und Schändung": Auf die Webseite der KZ-Gedenkstätte Buchenwald wurde - erstmals - ein rechtsradikaler Hackerangriff durchgeführt.

Von Christiane Kohl

Es war "ein Anschlag auf die deutsche Erinnerungskultur", sagt Volkhard Knigge, der Leiter der Stiftung der KZ-Gedenkstätten Buchenwald und Dora-Mittelbau. Ein Angriff, der dem Gedenkort Buchenwald "als Ganzes, mit all seinen internationalen Kontakten und den vielen Tausend täglichen Besuchern der Webseiten" gegolten habe. Denn mit dem Hacker-Angriff seien "die Orte, ihr Erinnerungsauftrag und die Opfer direkt angegriffen" worden.

Die Website des KZ Buchenwald nach der Hacker-Attacke der Nazis.

(Foto: dpa)

Erstmals in Deutschland war am Mittwochmorgen die Internetpräsentation einer KZ-Gedenkstätte von Computer-Hackern so manipuliert worden, dass darauf gespeicherte Daten großenteils gelöscht und die Seiten plötzlich mit rechtsradikalen Web-Inhalten verlinkt waren. So öffneten sich beispielsweise statt des Totenbuchs von Buchenwald, in dem normalerweise die Namen von rund 38.000 Opfern des Holocaust aufgerufen werden können, auf einmal Fenster mit rechtsradikalen Parolen wie "Brown is beautiful". Überdies ließen die Täter Sprüche wie "Wir kommen wieder" auf der Webseite zurück.

Eine Drohung, die Volkhard Knigge sehr ernst nimmt. Denn nach ersten Ermittlungen der Polizei waren die Hacker mit hoher krimineller Energie und erheblichem technischen Aufwand vorgegangen. So hatte man beispielsweise die Web-Präsentation der Gedenkstätte von Dora-Mittelbau, einem ehemaligen Bergwerk bei Nordhausen und Außenlager von Buchenwald, in welchem KZ-Insassen Hitlers sogenannte "Wunderwaffe", die Rakete V2 montieren mussten, komplett vom Netz abgeschaltet.

Doch das hält Knigge eher für ein Versehen der Täter. Denn seiner Einschätzung nach wollten die Hacker die Webpräsentationen nicht abschalten, sondern - viel infamer - ihre politischen Aussagen gleichsam "umdrehen" und mit rechtsradikalen Inhalten versehen. "Es ging ihnen um Verleugnung, Bedrohung und Schändung", meint Knigge.

IP-Adressen unbescholtener Nutzer

Um dieses Ziel zu erreichen, habe man zu technisch recht aufwändigen Mitteln gegriffen, berichtet der Stiftungschef: "Es lässt sich sehr genau nachvollziehen, wie da vorgegangen worden ist." So hatten die Täter, wie die Polizei inzwischen herausfand, offenbar real existierende IP-Adressen gewissermaßen vorübergehend "gekidnappt", um so ihre Spuren zu verwischen. Als die Polizei die IP-Adressen, die zumeist aus Amerika stammten, überprüfte, landete sie bei ganz normalen, unbescholtenen Internetnutzern, die offensichtlich nichts zu tun hatten mit dem Hacker-Angriff.

Auch war der Anschlag nach den Erkenntnissen der Ermittler ersichtlich schon seit längerem geplant gewesen und entsprechend vorbereitet worden. Den Zugang zum "Maschinenraum" der Webseite hatten sich die Täter über einen Virus verschafft, der bereits vor einiger Zeit eingeschleust worden war.

Aufgrund der Vorgehensweise geht die Polizei davon aus, dass es sich nicht um Täter aus der thüringischen Rechtsradikalenszene handelt, da diese zu solchen technischen Finessen vermutlich nicht in der Lage seien. Vielmehr könne durchaus auch ein international operierender Täterkreis in Frage kommen. Entsprechend hat das Bundeskriminalamt mittlerweile die Ermittlungsführung übernommen.

Stiftungsleiter Knigge sieht in dem hohen technischen Perfektionsgrad des Cyber-Angriffs ein Indiz dafür, dass sich die rechte Szene zunehmend aufrüste, sowohl juristisch und politisch, als auch technisch. Denn mit dem Netz-Anschlag wird seiner Einschätzung nach fortgesetzt, was vielerorts mit der Schändung von jüdischen Friedhöfen begonnen hatte.

Bezug zu Obamas Besuch im KZ

Etwa 6000 Besucher klicken täglich die Internetseiten der KZ-Gedenkstätte Buchenwald an. Die Webpräsentation gliedert sich in einen Einstiegsbereich mit aktuellen Berichten, allgemeinen Daten und Ausstellungsinformationen, in einen eher didaktischen Teil, der für Schulen, Bildungsinstitute und andere Interessierte gedacht ist, sowie den Bereich, in dem es um das Gedenken an sich und die Würde der Opfer des Holocaust geht. Die Hacker hätten alle diese Bereiche treffen wollen, meint Knigge: "Sie wollten nicht einfach Daten zerstören, die Erinnerung an die Toten selbst sollte ausgelöscht werden." Dass der Cyber-Angriff eine Reaktion auf konkrete Veranstaltungen gewesen sein könnte, beispielsweise an eine Gedenkstunde am vergangenen Sonntag, die den Tausenden von Homosexuellen gewidmet war, die einst in Buchenwald inhaftiert worden waren, schließt Knigge aus.

Eher schon könnte der Hacker-Anschlag im Zusammenhang mit dem Besuch des amerikanischen Präsidenten Barack Obama im vergangenen Sommer stehen. Denn einzelne der hergestellten Verlinkungen hätten einen Bezug zu Obama gehabt. Nach Knigges Einschätzung könnte es sein, dass der Besuch Obamas von den Rechtsradikalen als Beleg dafür gewertet werde, dass viel zu viele Menschen die Botschaft von Buchenwald als Wahrheit betrachteten - eben dagegen richteten sich die Aktionen der Rechtsradikalen.

Nach dem Anschlag arbeiteten die Buchenwald-Mitarbeiter tagelang fieberhaft an der Wiederherstellung der Webseiten. Bis zum Freitagnachmittag waren beinahe alle von den Hackern manipulierten Funktionen wieder aktiv. Auch das Totenbuch stand wieder im Netz - es gab selbstverständlich eine Sicherheitskopie davon.