Nazi-Zeit Umstrittene Spuren der Geschichte

Mit dem Autozug nach Sylt - da bleibt alles beim Alten: Nach wie vor passiert der Reisende den Hindenburgdamm.

(Foto: Carsten Rehder/dpa)

Politiker mit NS-Verstrickung als Namensgeber von Straßen, Plätzen oder Brücken? Viele deutsche Städte bewegt diese Frage. In Kassel hat man nun einen Streit darüber beigelegt.

Von Susanne Höll

Mehr als ein Jahr wurde in Kassel über die Vergangenheit zweier ehemaliger Bürgermeister gestritten. Beide Sozialdemokraten, mit dunklen persönlichen Flecken aus der NS-Zeit, in der Nachkriegszeit honorige Stadtpolitiker, dann ehrenwerte Namensgeber öffentlicher Einrichtungen. Darf das sein?

Opportunistische Helfershelfer

Recherchen von Wissenschaftlern ergaben, dass Willi Seidel und Karl Branner keine Nazi-Verbrecher waren, wohl aber, wie die meisten Deutschen, opportunistische Helfershelfer des NS-Systems. Nun haben die Stadtverordneten eine halbherzige Lösung in dem Zwist gefunden: Die nach Branner benannte Halle im Rathaus wird umbenannt, ebenso das nach Seidel benannte Haus der Jugend. Ein Fußgängersteg über die Fulda heißt aber weiterhin Karl-Branner-Brücke, eine Informationstafel soll allerdings alsbald auf die NS-Vergangenheit hinweisen.

SPD-Oberbürgermeister Bertram Hilgen hätte am liebsten gar nichts umbenannt, er hält seine Vorgänger für zwischenzeitlich politisch Verirrte, die später zu respektablen Demokraten wurden. Das aber sah ein Teil seiner Partei anders. Die Grünen, Juniorpartner der SPD im Magistrat, wollten auch den Brückennamen ändern, ebenso FDP und die Freien Wähler. Sie unterlagen knapp. Denn ausgerechnet die oppositionelle CDU stimmte Hilgens Kompromissvorschlag zu.

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Auch die CDU möchte die Debatte beenden

Mag sein, dass die Konservativen das Wirken Branners noch immer schätzen. Aber wahrscheinlicher ist, dass auch die CDU die Vergangenheitsdebatten beenden möchte. Schließlich sind in Kassel auch Straßen nach Christdemokraten benannt, deren NS-Historie womöglich unliebsame Überraschungen zutage fördern dürfte. Umbenennungen sind für Magistrate jedweder Couleur ein bürokratischer Gräuel: Hunderte Adressen müssen geändert werden, Verdruss und Ärger droht zuhauf. In Hannover zum Beispiel wird die NS-Historie von 400 Personen untersucht, nach denen Straßen und Gebäude benannt sind.

Überall in Deutschland wird darüber diskutiert, ob NS-Verstrickte als Namensgeber Vorbildfunktion haben können. Die Antworten fallen jedoch höchst unterschiedlich aus. Das zeigt sich auch am Fall des einstigen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, der seinerzeit Hitler den Weg an die Macht ebnete. Nach ihm waren in Deutschland viele Straßen und Plätze benannt, sein Name fand sich auf der Ehrenbürgerliste fast jeder Stadt. Etliche tilgten ihn aus Ehrenlisten und Stadtplänen, andere nicht. Und wer mit dem Zug vom Festland nach Sylt fährt, passiert bis heute, ja, genau, den Hindenburgdamm.

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