Nazi-Ikone Blutschwester Pia "Von allen Teufeln gehetzt"

Als Adolf Hitler am 9. November 1923 in München putscht, ist Eleonore Baur an seiner Seite. Später lässt sie KZ-Häftlinge für sich schuften - und interessiert sich für Menschenversuche.

Von Hans Holzhaider

9. November 1923, kurz vor ein Uhr mittags: An der Münchner Feldherrnhalle endet der Putsch, mit dem Adolf Hitler und seine Gesinnungsgenossen zunächst die bayerische und dann die Berliner Regierung aus dem Amt jagen wollte, um selbst die Macht in Deutschland zu übernehmen.

An der Einmündung der Residenzstraße in den Odeonsplatz treffen die Putschisten - rund 2000 Mann, die Hitler und Hermann Göring eilends in München zusammengetrommelt haben, auf eine von rund hundert Landespolizisten gebildete Postenkette.

Hitler marschiert in erster Reihe, auf der einen Seite untergehakt bei Max-Erwin von Scheubner-Richter, auf der anderen bei seinem Leibwächter Graf. Daneben der Reichswehrgeneral Erich Ludendorff mit seinem Diener Kurt Neubauer und Hermann Göring, der die Schlägertrupps der SA befehligte. Aus den Reihen der Nazis fällt ein Schuss - wer ihn abgab, ist nicht bekannt; die Polizisten antworten mit einer Salve, Scheubner-Richter wird getroffen und reißt im Fallen Hitler mit zu Boden.

Der Schusswechsel dauert nur wenige Minuten, 14 Putschisten und vier junge Polizisten bleiben tot liegen, Hitler wird von seinen Anhängern in ein Auto gezerrt, er flieht zu seinem Freund Ernst Hanfstaengl nach Uffing am Staffelsee. Dort wird er zwei Tage später festgenommen.

Die Propaganda verkündete ein Heldenepos

Elf Jahre später, am 9. November 1934, stiftete Hitler für diejenigen, die am Novemberputsch teilgenommen hatten, einen eigenen Orden, das Ehrenzeichen des 9. November 1923, kurz "Blutorden" genannt. Einer der ersten Träger war eine Frau: Eleonore Baur, genannt "Schwester Pia".

Die Berliner illustrierte Nachtausgabe widmete der "unermüdlichen Kämpferin" am 31. Oktober 1934 eine ganze Seite - ein veritables Heldenepos. Wie sie "tapfer und ohne Ahnung, was geschehen sollte", den "Todesweg durch die Residenzstaße" mitmarschierte, "und als plötzlich die Kugeln pfeifend in die Mauern klatschten, als die Männer, die ihr zur Seite marschieren, zusammenbrechen, greift sie schnell und entschlossen die nächsten mit festen Armen und zieht sie aus dem Höllengeknatter, und sie brüllt mit ihrer verteufelt harten und tiefen Stimme die auseinanderstiebenden Truppen an..."

Bei der Überreichung des Ordens am 8. November 1934 im Münchner Bürgerbräukeller, an eben dem Ort, an dem elf Jahre zuvor der Putsch begonnen hatte, sei sie von Hitler gefragt worden, ob sie eine besonderen Wunsch habe, berichtete Eleonore Baur später. Sie habe darum gebeten, "dass ich mich um die in Dachau inhaftierten Häftlinge und deren Angehörige annehmen dürfe".

9. November 1923 - Hitlers vergeblicher Griff nach der Macht

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Ob sich das wirklich so zugetragen hat, wissen wir nicht; Tatsache ist aber, dass "Schwester Pia" von diesem Zeitpunkt an im Konzentrationslager ein- und ausgehen konnte, wie sie wollte, dass die Wache ihr Meldung zu erstatten hatte und die Gefangenen ebenso wie die SS-Dienstgrade sie grüßen mussten.

Nach dem Krieg musste sich Eleonore Baur wegen ihrer Rolle im Konzentrationslager in einem Spruchkammerverfahren verantworten. Aus den Angaben, die sie dort selbst gemacht hat, und aus den Aussagen von Gefangenen, die dort als Zeugen gehört wurden, ergibt sich ein schillerndes Bild - ein "Unmensch", "von allen Teufeln gehetzt", "zu allen Schandtaten fähig" war sie für die einen.

Andere dagegen nennen sie "unseren Engel in hoffnungslosen Stunden", und "eine selten edle und gütige Frau".