Kreml-Kritiker:Nawalny: Putin steckt hinter Vergiftung

Nawalny Entlassung Interview

Nawalny wurde am Dienstag aus der Charité entlassen.

(Foto: Pavel Golovkin/dpa)

In seinem ersten Interview nach Verlassen der Charité beschuldigt Alexej Nawalny den russischen Präsidenten. Von seinem Weg will er sich nicht abbringen lassen.

Der Kreml-Kritiker Alexej Nawalny hält den russischen Präsidenten Wladimir Putin für den Drahtzieher seiner Vergiftung. "Ich behaupte, dass hinter der Tat Putin steht, und andere Versionen des Tathergangs habe ich nicht", zitiert der Spiegel Nawalny aus einem am Donnerstag veröffentlichten Interview. Er begründet diese Behauptung damit, dass nur ein sehr begrenzter Personenkreis in Russland Zugriff auf das Nervengift Nowitschok hat, mit dem er mutmaßlich vergiftet wurde, und dessen Einsatz befehligen kann.

"Der Befehl, es einzusetzen oder herzustellen, kann nur von zwei Männern stammen - dem Chef des FSB oder des Auslandsgeheimdienstes SWR", so Nawalny. Diese wiederum können ihm zufolge eine derartige Entscheidung nur auf den Befehl Putins treffen.

Es ist das erste Interview Nawalnys, der vor wenigen Tagen aus der Berliner Charité entlassen wurde. Der Oppositionspolitiker kündigt demnach an, in seine Heimat zurückzukehren. "Meine Aufgabe ist jetzt, der Typ zu bleiben, der keine Angst hat. Und ich habe keine Angst!"

Nawalny berichtet in dem Gespräch, wie sich die Symptome der Vergiftung durch das Nervengift aus der Nowitschok-Gruppe anfühlen. Er habe erst im Flugzeug gespürt, dass "irgendetwas falsch" war, ihm sei kalter Schweiß ausgebrochen. Daraufhin sei er auf die Toilette der Maschine gegangen, wo er sich mit Wasser gewaschen habe. Dort habe er erst nicht gewusst, ob er sie wieder verlassen könne. "Und der wichtigste Eindruck war: Du fühlst keinen Schmerz, aber du weißt, du stirbst. Und zwar jetzt sofort. Dabei tut dir gar nichts weh", so der Kreml-Kritiker zum Spiegel. Daraufhin sei er auf dem Gang des Flugzeugs zusammengebrochen.

Nawalny geht davon aus, dass er durch seine Hand mit dem Gift in Kontakt kam. Ihm zufolge habe er eine Oberfläche berührt, dann aus einer Wasserflasche getrunken, wodurch das Gift auch damit in Kontakt kam.

Der russische Oppositionelle bedankt sich in dem Interview für die Behandlung in Deutschland: "Die Ärzte der Charité haben mein Leben ein zweites Mal gerettet, und sie haben mir, was noch wichtiger ist, meine Persönlichkeit zurückgegeben." Er empfinde eine riesen Dankbarkeit gegenüber allen Deutschen. Er sei gerade wieder dabei, körperlich zu Kräften zu kommen und mache große Fortschritte.

Er berichtet auch vom Besuch von Bundeskanzlerin Merkel an seinem Krankenbett, der ihn sehr überrascht und beeindruckt habe: "Sie hat wirklich ein tiefes Verständnis von dem, was in Russland vorgeht." Auf seinen Dank für ihren Einsatz habe Merkel geantwortet: "'Ich habe nur getan, was meine Pflicht war'".

Nawalny war im August auf einem Flug zusammengebrochen. Zuerst wurde er im sibirischen Omsk und dann in der Charité in Berlin behandelt. Am Dienstag wurde er nach mehr als drei Wochen Behandlung aus der Klinik entlassen.

Die Bundesregierung erklärte nach Tests, Nawalny sei mit einem Nervengift aus der Nowitschok-Gruppe vergiftet worden. Das sollen auch Labors in Frankreich und Schweden bestätigt haben. Die Regierung in Moskau weist jede Verantwortung zurück. Mit Spannung werden aktuell die Untersuchungsergebnisse der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) erwartet. Danach drohen Russland neue Sanktionen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte Russland zur Aufklärung des Verbrechens auf. Moskau aber verlangt Beweise für eine Vergiftung und lehnt bis dahin Ermittlungen in dem Kriminalfall ab.

© SZ/dpa/rtr/bix/mkoh
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