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Verweigerte Verlegung Nawalnys:Begründung russischer Ärzte stößt in Berlin auf Skepsis

Alexej Nawalny

Der 44-jährige russische Oppositionsführer Nawalny wird derzeit auf der Intensivstation eines Krankenhauses in der sibirischen Großstadt Omsk behandelt. (Archivbild)

(Foto: dpa)

Der Kreml-Kritiker darf nicht aus Russland ausfliegen. Die Klinik verweist auf medizinische Gründe. Angehörige hingegen sind überzeugt, dass der Kreml dahintersteckt. Und auch die Vorsitzende des Menschenrechts-Ausschusses im Bundestag zweifelt.

Von Julian Hans und Daniel Brössler, Berlin

Über die Ursache der plötzlichen Erkrankung des russischen Oppositionellen Alexej Nawalny gibt es auch am Tag nach seiner Einlieferung in ein Krankenhaus in Omsk keine Klarheit. Mehr noch: die Verwirrung wird immer größer.

Unterstützer des bekannten russischen Regierungskritikers wollten ihn in Deutschland behandeln lassen. Sie fürchten, dass Nawalny vergiftet wurde. Am Donnerstag noch hatte ein Kremlsprecher erklärt, Moskau werde eine Verlegung des 44-Jährigen zur Behandlung im Ausland "natürlich" unterstützen. Eine Stunde bevor am Freitagmorgen eine Spezialmaschine aus Nürnberg in der sibirischen Stadt Omsk landete, die Nawalny zur Behandlung in die Berliner Charité bringen sollte, lehnte die Polizei vor Ort plötzlich eine Verlegung ab.

Iwan Schdanow, der Direktor von Nawalnys Stiftung zur Bekämpfung der Korruption erklärte: "Wir waren im Zimmer des Chefarztes, als ein Polizist in den Raum kam und sagte: 'diese Substanz haben wir gefunden'." Um welche Substanz es sich handle, hätten die Polizisten nicht verraten, angeblich um die Ermittlungen nicht zu gefährden. Nur so viel habe man ihnen mitgeteilt, dass es sich um eine lebensgefährliche Substanz handle, sagte Schdanow: "Sie sagten, sie ist nicht nur für Alexej bedrohlich, sondern auch für die Menschen in seiner Nähe. Alle, die mit ihm zu tun haben, müssten Schutzkleidung tragen."

Klinik veröffentlicht kurz nach einander widersprüchliche Statements

Kurz darauf erklärte auch der Chefarzt der Omsker Klinik, Nawalny dürfe auch auf Wunsch seiner Familie nicht verlegt werden. Auf die Frage, ob sie zu einem Austausch mit den Kollegen in der Charite bereit seien, antwortete der Chefarzt Alexander Murachowskij ausweichend: Er sei der Ansicht, die Experten der Moskauer Kliniken, mit denen sie in Kontakt stünden, seien "nicht schlechter als die von der deutschen Klinik".

Am Freitag erklärte Murachowskij der Agentur Interfax zufolge dann überraschend, bei Nawalny sei Stoffwechselstörung diagnostiziert worden. Ursache sei ein niedriger Blutzucker-Wert. Allerdings seien an Kleidung und Fingern des Patienten auch Spuren von "industriellen chemischen Substanzen" gefunden worden. Zuvor hatte ein Vertreter der Omsker Klinik vor Journalisten erklärt, weder im Blut noch im Urin des Patienten seien Spuren eines Giftes gefunden worden. "Deshalb gehen wir davon aus, dass der Patient nicht vergiftet wurde". Die Diagnose stimme mit den Symptomen vollständig überein. Sie dürfe nicht öffentlich gemacht werden, sei aber Nawalnys Frau und seinem Bruder mitgeteilt worden.

In Berlin stößt die Begründung der russischen Ärzte für das Nein zu einer Verlegung Nawalnys auf Skepsis. "Es ist zumindest sehr realistisch, dass es für die Verhinderung der Ausreise Nawalnys nicht nur medizinische Gründe gibt", sagte die Vorsitzende des Menschenrechts-Ausschusses des Bundestages, Gyde Jensen (FDP), der Süddeutschen Zeitung. Betrachte man den Modus Operandi, scheine "auch der Vorwurf, dass das Regime Putin hinter dem Giftanschlag steckt, keinesfalls aus der Luft gegriffen". Die Bundesregierung solle "auf diplomatischer Ebene das Angebot der Charité noch einmal bekräftigen, um dem Kreml zu demonstrieren, dass Deutschland die Vorgänge genau beobachtet". Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte eine Behandlung in Deutschland angeboten.

Julia Nawalnaja, die Frau des Oppositionsführers, erklärte derweil, sie vertraue der Klinik in Omsk nicht: "Wir glauben, dass die Verlegung deshalb verzögert wird, damit die Substanz, die in Alexejs Körper gefunden wurde, nicht mehr nachweißbar ist. Wir vertrauen dieser Klinik nicht und wir fordern, dass sie uns Alexej freigeben, um ihn in einer unabhängigen Klinik von Ärzten behandeln zu lassen, denen wir vertrauen", sagte sie in einer Stellungnahme.

Auch Nawalnys Sprecherin zeigt sich ungläubig: "Vor einer Stunde wurde uns von einem tödlichen Gift erzählt, das für andere gefährlich ist, und jetzt, dass keine Giftstoffe gefunden wurden", schreibt sie auf Twitter. Sie wendet sich in einem weiteren Tweet an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte: "Wir fordern, dass den russischen Behörden untersagt wird, Nawalnys Transport zu einer medizinischen Einrichtung zu behindern. Eine Verzögerung des Transports kann zu irreparablen Schäden für Leben und Gesundheit führen."

Mit Material der dpa und von Reuters

© SZ.de/dpa/Reuters/jobr/aner/mcs/bepe
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