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Nawalny:"Ich habe meinen Mörder angerufen"

Russland: Oppositionsführer Alexej Nawalny 2018 in Moskau

Der russische Oppositionsführer Alexej Nawalny war im August auf einem Flug zusammengebrochen.

(Foto: Pavel Golovkin/AP/dpa)

Der russische Oppositionspolitiker Nawalny veröffentlicht auf Youtube den Mitschnitt eines Telefonats. Ein Agent soll darin den Giftanschlag zugegeben haben. Russland spricht von Fälschung.

Ein Agent des russischen Inlandsgeheimdiensts FSB soll nach Darstellung des Kremlkritikers Alexej Nawalny den Giftanschlag auf ihn zugegeben haben. Unter dem Titel "Ich habe meinen Mörder angerufen. Er hat gestanden" veröffentlichte Nawalny am Montag auf Youtube den Mitschnitt eines Telefonats mit dem mutmaßlichen FSB-Agenten.

Nawalny gab sich in dem Gespräch am 14. Dezember demnach als Assistent des Chefs des russischen Sicherheitsrats aus, um das Vertrauen des Mannes zu gewinnen. Der Inkognito-Anruf hängt mit einer Recherche mehrerer Medien zusammen, zu denen das Nachrichtenmagazin Spiegel zählt. Die Journalisten hatten in der vergangenen Woche Rechercheergebnisse veröffentlicht, denen zufolge mindestens acht russische Geheimdienstagenten den Anschlag auf Nawalny verübt haben sollen.

Der russische Inlandsgeheimdienst FSB hat das Telefonat als Fälschung bezeichnet. Das Gespräch sei eine "geplante Provokation zur Diskreditierung des russischen FSB", teilte der FSB nach Angaben der Staatsagentur Ria Nowosti am Montagabend mit. Es würden Ermittlungen eingeleitet.

Das Außenministerium in Moskau teilte unterdessen mit, das Vertrauen in die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) sei noch weiter gesunken, weil diese erneut "Geisel" derjenigen sei, die sie für geopolitische Interessen benutzten. Die OPCW hatte im Oktober die Vergiftung Nawalnys mit einem Nervengift der Nowitschok-Gruppe nachgewiesen - und damit Ergebnisse von Laboren in Deutschland, Frankreich und Schweden bestätigt. Deutschland hatte Russland wiederholt aufgerufen, das Verbrechen aufzuklären. Russland hingegen hatte das Zurückhalten von Beweisen angeprangert.

Nawalny war im August auf einem Inlandsflug zusammengebrochen. Der mutmaßliche FSB-Mann sagte in dem nun veröffentlichten Telefonat, das Gift sei an der Innenseite der Unterhose angebracht gewesen. Nawalny habe den Anschlag nur überlebt, weil der Flug nicht lange genug gedauert habe. Der Pilot hatte damals eine Notlandung in der sibirischen Stadt Omsk unternommen. Nawalny wurde zunächst dort in ein Krankenhaus gebracht und später in die Berliner Charité geflogen.

Der russische Oppositionspolitiker soll mit einem in der Sowjetunion entwickelten chemischen Nervenkampfstoff der Nowitschok-Gruppe vergiftet worden sein. Russland hatte wiederholt Vorwürfe zurückgewiesen, nichts zur Aufklärung des Falls beizutragen, und das Vorlegen von Beweisen gefordert. Auf seiner Jahrespressekonferenz hatte Kremlchef Wladimir Putin vergangene Woche eine Beobachtung Nawalnys durch den Geheimdienst zwar eingeräumt. Es gebe aber keinen Grund, seinen schärfsten Gegner zu vergiften, sagte der Präsident.

© SZ/dpa/aner/kler/jsa
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