Nato-Manöver "Trident Juncture":Wie stellt man den Bündnisfall fest, wenn das Internet sabotiert wird?

Tatsächlich setzt Russland seit Beginn der Militärreform 2010 auf mobile Eliteeinheiten, die in der Ukraine und in Syrien ihre Effektivität unter Beweis stellten. Moskau vertraut auf Geheimdienste oder Söldner, deren Aktionen sich leugnen lassen, weil sie der Armee nicht angehören. Das stellt die Nato vor ein Problem: Wie stellt man den Bündnisfall fest, wenn nicht Panzer anrollen, sondern Offiziere des Geheimdienstes GRU im Hinterland oder im Internet Sabotage-Aktionen begehen?

Anders als in Russland, wo eine Million Mann einer einheitlichen Führung unterstehen, muss die Nato sicherstellen, dass die Armeen der Allianz gut kooperieren. Um Schwachstellen zu identifizieren, seien Manöver unerlässlich, sagt Derek Chollet vom Thinktank German Marshall Fund. Er war unter Barack Obama im Pentagon für die Nato zuständig und formuliert es so: "Ohne Training wird niemand Fußball-Weltmeister, also müssen Sie üben."

Durch klare Regeln soll eine militärische Eskalation vermieden werden

Einsatzplanung, Logistik oder die Reaktion auf Cyber-Attacken müssten laufend getestet werden. Chollet freut sich, dass die USA trotz der Nato-kritischen Töne von Präsident Donald Trump einen Flugzeugträger mit 6000 Mann entsenden und rechnet damit, dass Moskau versuchen wird, mit Provokationen oder Verlagerungen seines Militärs das Manöver zu stören.

Um Missverständnisse oder gar militärische Eskalationen zu vermeiden, gibt es klare Regeln. Sie stehen im "Wiener Dokument" der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), zu deren 57 Mitgliedern auch Russland gehört. Hier ist festgehalten, dass über Manöver informiert werden muss, sobald mehr als 9000 Soldaten beteiligt sind. Übersteigt die Zahl jedoch 13 000, dann muss der Gastgeber auch Militärbeobachter einladen und ihnen viel Zugang gewähren. Sie dürfen etwa ungehindert Soldaten befragen.

Dass zwei Russen nach Norwegen reisen, begrüßt Generalsekretär Stoltenberg - und kritisiert sogleich, dass Moskau seit 1989 nie Beobachter nach OSZE-Standard zuließ. "Jede Einladung ist aufschlussreich, aber man sieht eben nur, was die Gegenseite zeigen will", sagt ein Nato-Diplomat. Wer aus Moskau anreisen werde, sei allen klar: "Profis vom Militärnachrichtendienst."

In der Allianz ist die "So transparent wie möglich"-Haltung unstrittig, betont er. Regeln seien einzuhalten und diese "moralische Überlegenheit" gebe man so wenig auf wie die Hoffnung, dass Moskau irgendwann offiziell einlade. Allzu optimistisch klingt der Mann nicht, denn dazu bräuchte es ein Mindestmaß an Vertrauen.

Dass sich insbesondere die Nato darum bemüht, "potenziell negative Auswirkungen" von Manövern zu vermeiden, bestätigt auch Lukasz Kulesa. Er ist Forschungsdirektor der Denkfabrik "European Leadership Network" (ELN) und hatte im August 2015 eine viel beachtete Analyse mit dem dramatischen Titel "Vorbereiten auf das Schlimmste: Machen die Militärübungen Russlands und der Nato einen Krieg in Europa wahrscheinlicher?" veröffentlicht.

Drei Jahre später sagt er: Die wachsende Zahl der Manöver und die steigenden Teilnehmerzahlen spiegeln die "neue Normalität" der wachsenden Abschreckung wieder. Er attestiert der Nato, "rechtzeitig und umfassend" über Ort, Zeit und Szenario zu informieren und viele Daten im Internet öffentlich zu machen. Kulesa rät, immer den Kontext zu beachten: Ein mehrere Jahre im Voraus angekündigtes Defensivmanöver ist keine Provokation und dass der Hauptschauplatz in Zentralnorwegen mehr als tausend Kilometer von der norwegisch-russischen Grenze entfernt liegt, sei ebenfalls eine vernünftige Entscheidung.

ELN-Experte Kulesa empfiehlt beiden Seiten, sich in kleinen Schritte anzunähern. Bessere Kommunikationskanäle zwischen Militärs könnten ebenso helfen wie ausführliche Nachbesprechungen nach den Manövern. Der Kreml könnte viel Vertrauen gewinnen, wenn er die snap exercises, also die unangekündigten Übungen unterlassen würde. Damit zu rechnen sei jedoch nicht, gibt er zu: "Es sind nicht die Zeiten für ambitionierte bindende Schritte." Er würde sich schon über freiwillige Gesten freuen.

© SZ vom 25.10.2018/bix/gal
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