Nato-Manöver "Trident Juncture":Botschaften der Stärke

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg auf einem US-Flugzeugträger

Trotz Nato-kritischer Töne von Präsident Donald Trump haben die USA den Flugzeugträger USS Harry S. Truman mit 6000 Mann zum Nato-Manöver entsandt (hier auf einem Foto vom 12. Oktober).

(Foto: AFP)
  • Das Nato-Manöver "Trident Juncture 2018" ist die größte Übung der Militärallianz seit dem Kalten Krieg.
  • "Das Szenario ist fiktiv, aber die Erkenntnisse werden sehr real sein", sagt Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg.
  • Die Nato sendet mit dem Manöver ein Signal der Stärke. An wen es sich richtet, ist klar: an Moskau.
  • Um Missverständnisse oder gar militärische Eskalationen zu vermeiden, gibt es klare Regeln.

Von Julian Hans, Moskau, und Matthias Kolb, Brüssel

Es war ein Spektakel, wie es selbst erfahrene Militärbeobachter noch nie gesehen hatten. In breiten Formationen donnerten Schützenpanzer über die russische Steppe nördlich der Grenze zur Mongolei. Die Luft vibrierte von den Rotoren der Gefechtshubschrauber. Jagdflugzeuge schossen über den Himmel. Tausende Soldaten marschierten an der Tribüne vorüber, auf der Wladimir Putin Platz genommen hatte, Präsident und Oberkommandierender der russischen Streitkräfte.

Verteidigungsminister Sergej Schoigu hatte das Manöver "Wostok-18" Mitte September als das größte in der Geschichte des neuen Russlands bezeichnet; mit angeblich 300 000 Soldaten und 36 000 Maschinen. In Teilen habe es sogar "Sapad-81" übertroffen, die größte Übung, welche die Sowjetunion je durchführte.

Mit diesen Dimensionen kann sich das Nato-Manöver "Trident Juncture 2018" nicht messen, das an diesem Donnerstag in Norwegen beginnt. Mit 50 000 Soldaten, 10 000 Fahrzeugen, 250 Flugzeugen und 65 Schiffen ist es trotzdem die größte Übung der Allianz seit dem Kalten Krieg. "Das Szenario ist fiktiv, aber die Erkenntnisse werden sehr real sein", sagt Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg.

Mit Soldaten aus Finnland und Schweden proben Truppen aus allen 29 Mitgliedsländern den Ernstfall gemäß Artikel 5 des Nato-Vertrags: den Angriff auf ein Land, der als Attacke auf alle gilt. "Es ist wichtig zu zeigen, dass wir in der Lage sind, jeden Bündnispartner gegen jede Art von Gefahr zu verteidigen", betont Stoltenberg und spricht nicht explizit aus, was alle wissen: Diese Botschaft richtet sich an Moskau. Verteidigungsminister Schoigu wetterte denn auch: "Die militärische Aktivität der Nato an den Grenzen der Russischen Föderation hat ein seit dem Kalten Krieg nie dagewesenes Maß erreicht."

Megaübungen setzen Signale, militärischer Nutzen ist aber umstritten

Seit Russland 2014 die ukrainische Halbinsel Krim im Handstreich besetzt und einen Krieg im Osten der Ukraine begonnen hat, befürchten die Staaten an seinen Grenzen ähnliche Szenarien. Das Militär auf beiden Seiten übt häufiger und die Manöver werden größer. Um Signale zu senden, sind die Megaübungen ideal, der Nutzen für die Armeen ist jedoch umstritten.

"Wenn es um eine Botschaft der militärischen Stärke ging, dann ist sie gelungen", sagt ein westlicher Diplomat, der auf Einladung Moskaus bei "Wostok-18" zuschauen durfte. Gleichzeitig wirkten Technik und Ausbildung auf den erfahrenen Offizier wie aus einer vergangenen Epoche. So viele Kräfte auf so engem Raum zu konzentrieren sei Ressourcenverschwendung. Auch die Zusammenarbeit mit den chinesischen Streitkräften, die erstmals an einem russischen Großmanöver teilnahmen, sei "ein politisches Zeichen ohne militärischen Mehrwert" gewesen, urteilt der Diplomat.

Wie stellt man den Bündnisfall fest, wenn das Internet sabotiert wird?

Tatsächlich setzt Russland seit Beginn der Militärreform 2010 auf mobile Eliteeinheiten, die in der Ukraine und in Syrien ihre Effektivität unter Beweis stellten. Moskau vertraut auf Geheimdienste oder Söldner, deren Aktionen sich leugnen lassen, weil sie der Armee nicht angehören. Das stellt die Nato vor ein Problem: Wie stellt man den Bündnisfall fest, wenn nicht Panzer anrollen, sondern Offiziere des Geheimdienstes GRU im Hinterland oder im Internet Sabotage-Aktionen begehen?

Anders als in Russland, wo eine Million Mann einer einheitlichen Führung unterstehen, muss die Nato sicherstellen, dass die Armeen der Allianz gut kooperieren. Um Schwachstellen zu identifizieren, seien Manöver unerlässlich, sagt Derek Chollet vom Thinktank German Marshall Fund. Er war unter Barack Obama im Pentagon für die Nato zuständig und formuliert es so: "Ohne Training wird niemand Fußball-Weltmeister, also müssen Sie üben."

Durch klare Regeln soll eine militärische Eskalation vermieden werden

Einsatzplanung, Logistik oder die Reaktion auf Cyber-Attacken müssten laufend getestet werden. Chollet freut sich, dass die USA trotz der Nato-kritischen Töne von Präsident Donald Trump einen Flugzeugträger mit 6000 Mann entsenden und rechnet damit, dass Moskau versuchen wird, mit Provokationen oder Verlagerungen seines Militärs das Manöver zu stören.

Um Missverständnisse oder gar militärische Eskalationen zu vermeiden, gibt es klare Regeln. Sie stehen im "Wiener Dokument" der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), zu deren 57 Mitgliedern auch Russland gehört. Hier ist festgehalten, dass über Manöver informiert werden muss, sobald mehr als 9000 Soldaten beteiligt sind. Übersteigt die Zahl jedoch 13 000, dann muss der Gastgeber auch Militärbeobachter einladen und ihnen viel Zugang gewähren. Sie dürfen etwa ungehindert Soldaten befragen.

Dass zwei Russen nach Norwegen reisen, begrüßt Generalsekretär Stoltenberg - und kritisiert sogleich, dass Moskau seit 1989 nie Beobachter nach OSZE-Standard zuließ. "Jede Einladung ist aufschlussreich, aber man sieht eben nur, was die Gegenseite zeigen will", sagt ein Nato-Diplomat. Wer aus Moskau anreisen werde, sei allen klar: "Profis vom Militärnachrichtendienst."

In der Allianz ist die "So transparent wie möglich"-Haltung unstrittig, betont er. Regeln seien einzuhalten und diese "moralische Überlegenheit" gebe man so wenig auf wie die Hoffnung, dass Moskau irgendwann offiziell einlade. Allzu optimistisch klingt der Mann nicht, denn dazu bräuchte es ein Mindestmaß an Vertrauen.

Dass sich insbesondere die Nato darum bemüht, "potenziell negative Auswirkungen" von Manövern zu vermeiden, bestätigt auch Lukasz Kulesa. Er ist Forschungsdirektor der Denkfabrik "European Leadership Network" (ELN) und hatte im August 2015 eine viel beachtete Analyse mit dem dramatischen Titel "Vorbereiten auf das Schlimmste: Machen die Militärübungen Russlands und der Nato einen Krieg in Europa wahrscheinlicher?" veröffentlicht.

Drei Jahre später sagt er: Die wachsende Zahl der Manöver und die steigenden Teilnehmerzahlen spiegeln die "neue Normalität" der wachsenden Abschreckung wieder. Er attestiert der Nato, "rechtzeitig und umfassend" über Ort, Zeit und Szenario zu informieren und viele Daten im Internet öffentlich zu machen. Kulesa rät, immer den Kontext zu beachten: Ein mehrere Jahre im Voraus angekündigtes Defensivmanöver ist keine Provokation und dass der Hauptschauplatz in Zentralnorwegen mehr als tausend Kilometer von der norwegisch-russischen Grenze entfernt liegt, sei ebenfalls eine vernünftige Entscheidung.

ELN-Experte Kulesa empfiehlt beiden Seiten, sich in kleinen Schritte anzunähern. Bessere Kommunikationskanäle zwischen Militärs könnten ebenso helfen wie ausführliche Nachbesprechungen nach den Manövern. Der Kreml könnte viel Vertrauen gewinnen, wenn er die snap exercises, also die unangekündigten Übungen unterlassen würde. Damit zu rechnen sei jedoch nicht, gibt er zu: "Es sind nicht die Zeiten für ambitionierte bindende Schritte." Er würde sich schon über freiwillige Gesten freuen.

© SZ vom 25.10.2018/bix/gal
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