Nato-Gipfel in Chicago:Ein Großbündnis dämmert dahin

Das Beispiel Afghanistan zeigt erneut: Das Grundübel der Nato ist ihre Uneinigkeit. Eine gemeinsame Linie für den Abzug gibt es nicht - die Nato-Partner haben nur noch die Kraft, um die Risse im Gemäuer mit verbalen Kletterranken zu verdecken. Alle Versuche, dem Bündnis eine neue Identität zu geben, sind gescheitert. Dabei gibt es zwei gute Gründe, die Nato wieder zum Leben zu erwecken.

Martin Winter

Nach vier Kriegen in zwei Jahrzehnten seit dem Untergang der Sowjetunion weiß die Nato weniger denn je, was sie ist und was sie sein will. Weder die Einsätze gegen die serbischen Aggressoren in Bosnien und im Kosovo noch die Befreiung Libyens und schon gar nicht der mehr als zehnjährige Krieg in Afghanistan haben die Allianz zusammengeschweißt und ihr einen neuen Sinn gegeben. Ohne ihren Gründungsfeind Russland ist die Nato weiterhin ein zerbröselndes Bündnis. Eines, das nicht einmal mehr in der Lage ist, seinen Rückzug vom Hindukusch anständig zu ordnen.

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Große Organisationen wie die Nato, denen Ziel und Auftrag abhandengekommen sind, sterben nicht, sie dämmern dahin. Im Bild deutsche Isaf-Soldaten auf Patrouille in Afghanistan.

(Foto: AFP)

Der nun in Chicago zu Ende gegangene Nato-Gipfel hat erneut das Grundübel der Allianz gezeigt: Es fehlt ihr an Gemeinsamkeit. Afghanistan: Eine gemeinsame, überzeugende und langfristig funktionierende Linie für den Abzug und für die Hilfe in der Zeit danach gibt es nicht wirklich. Die Kraft der Alliierten reicht nur noch dazu aus, die Risse im Gemäuer mit verbalen Kletterranken zu verdecken. Es geht ihnen nicht mehr um das Beste für die Afghanen, sondern nur noch darum, wie jeder für sich selber möglichst ungeschoren vom Hindukusch wegkommt.

Die Eigensucht beim Einsatz in Afghanistan begann, als der Wahlkämpfer Barack Obama im vergangenen Jahr über das Rückzugsdatum spekulieren ließ. Der frisch gewählte französische Präsident François Hollande zieht ohne Rücksicht auf die politischen Folgen seine Kampftruppen noch in diesem Jahr ab. Australien nimmt sich ebenfalls einen früheren Ausgang. Und die anderen Nationen machen gute Miene zu diesem bösen Spiel, wohl weil nicht wenige heimlich auch darüber nachdenken, wie sie früher als 2014 herauskommen. Auf dem Wappen der Nato müsste heute stehen: Jeder für sich, keiner für alle.

Es gibt Gründe für diesen egozentrischen Umgang im Bündnis. Die Völker sind kriegsmüde geworden. Es liegt nur wenig Glanz darin, militärische Mittel zur Verbesserung der Welt einzusetzen - besonders seit Libyen. Vor allem aber sind die Regierenden mit dem Krieg an den Finanzmärkten beschäftigt, sie haben keine Zeit mehr für den komplizierten Konflikt im fernen Afghanistan.

All das erklärt aber die auch in Chicago wieder offenbar gewordene Unfähigkeit der Allianz nicht, sich über allgemeine Formeln hinaus zu verständigen und einen Entwurf für die eigene Zukunft zu skizzieren. Gemeinsam ist den Alliierten offensichtlich nur noch die Neigung, ihre Probleme zu verdrängen. Eine ehrliche Debatte über den Zustand des Bündnisses könnte nämlich der Anfang von dessen Ende sein. Denn das Problem der Allianz ist ihre tiefwurzelnde Uneinigkeit. Es fehlt den Partnern ein gemeinsames Verständnis davon, was Sicherheit in der veränderten Welt heißt, was Bedrohungen sind, und wie man auf sie reagiert.

Über den Kampf gegen den Terrorismus, über das Eingreifen in Bürgerkriege bis hin zu den am Horizont aufscheinenden Konflikten um die knapper werdenden Rohstoffe gibt es in der Nato so viel verschiedene Meinungen wie Mitglieder. Die geopolitischen Interessen zumindest der großen Bündnisländer decken sich nicht immer. So ist die Allianz zu einer multinationalen Organisation mit militärischen Fähigkeiten verkommen, die man sich weiter hält, weil man sie hat. Ein Bündnis ist das nicht.

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