Süddeutsche Zeitung

Nato:Der Nato droht die Erosion

Lesezeit: 3 min

Donald Trump könnte dem atlantischen Bündnis eine Existenzkrise bescheren. Es geht um nicht weniger als ihr höchstes Gut: die Glaubwürdigkeit.

Kommentar von Daniel Brössler

Im Januar werden mehrere Tausend amerikanische Soldaten in Bremerhaven an Land gehen und sofort nach Polen weiterverlegt, in die baltischen Staaten und nach Rumänien. Die zusätzliche Kampfbrigade soll die Grenzregionen des Nato-Gebiets stärken und dem Gefühl entgegenwirken, dass die Allianz einer zunehmenden Bedrohung aus dem Osten ausgesetzt sei. US-Präsident Barack Obama hat das schon vor Monaten so entschieden.

Nun, da die Soldaten eintreffen, dienen sie aber auch der Rückversicherung gegen eine ganz andere Art der Gefahr. Obama hat die Verlegung jedenfalls beschleunigt. So wird die Brigade an Ort und Stelle sein, noch bevor Donald Trump in Washington seinen Amtseid ablegt.

Die rasche Verlegung trägt in Brüssel bei zu einer Art kollektiver Autosuggestion. Nach dem ersten Schock, der auf den Wahlsieg von Donald Trump folgte, machen politische und militärische Entscheidungsträger sich und die Welt glauben, dass vom neuen amerikanischen Präsidenten keine ernsthafte Gefahr ausgeht für die Nordatlantische Allianz. Trumps Drohungen gegen säumige Alliierte aus dem Wahlkampf klingen noch nach, aber sie werden einfach neu interpretiert. Haben nicht auch Obama und seine Vorgänger mehr finanziellen Einsatz von den Verbündeten verlangt?

Die Gemeinschaft der Transatlantiker glaubt fest an sich selbst

Nun gut, kein US-Präsident vor Trump hat bisher den Beistand nach Artikel 5 infrage gestellt; Trumps Andeutung wird nun geflissentlich zum Ausrutscher verharmlost. In Brüssel laufen schon die Planungen für einen Nato-Gipfel im kommenden Jahr, der hauptsächlich den Zweck verfolgen wird, Trump so gründlich mit Freunden zu umzingeln, dass kein Risiko mehr von ihm ausgeht.

Die in Jahrzehnten gewachsene Gemeinschaft der Transatlantiker glaubt dabei fest an eine Größe, die sie für verlässlich hält: die in Jahrzehnten gewachsene Gemeinschaft der Transatlantiker. Mit Erleichterung ist in Brüssel aufgenommen worden, dass Trump einen Ex-General zum Verteidigungsminister machen will, der auch Nato-Posten bekleidet hat, die Allianz also kennt. Die Hoffnungen ruhen überdies auf der Macht und der Beharrungskraft des Establishments in Washington. Trost wird gesucht und sehr gerne auch gefunden in der vermeintlichen Gewissheit, dass Republikaner und Demokraten im Kongress Trump für den Fall Fesseln anlegen würden, dass er der Nato doch Schaden zufügen möchte.

In der Summe schaffen diese Annahmen ein Gefühl der Sicherheit, das sich bestenfalls als optimistisch und schlimmstenfalls als schlicht falsch herausstellen könnte. Zwar spricht bislang wenig dafür, dass die Zerstörung der stärksten Militärallianz der Weltgeschichte ganz oben auf der To-do-Liste des neuen Präsidenten stehen könnte. Vermutlich hat Trump dergleichen tatsächlich nicht auf dem Zettel; ein Szenario ist wenig wahrscheinlich, in dem der Präsident mit einer großen Erschütterung zielstrebig zum Einsturz der Allianz beiträgt. Was der Nato indes droht, ist nicht die Eruption, sondern die Erosion.

Das Bündnis existiert nämlich nicht nur, weil seine derzeit 28 Mitglieder vertragliche Verpflichtungen eingegangen sind. Es ist auch nicht nur deshalb handlungsfähig, weil die Mitglieder enorme militärische Mittel beisteuern, mit großem Abstand vor allen anderen die USA. Wovon es letztlich lebt, ist die Glaubwürdigkeit. Truppen, Panzer, Kampfjets, Nuklearsprengköpfe - das ganze Arsenal beeindruckt mögliche Gegner nur, solange sie annehmen müssen, dass es im Ernstfall auch zum Einsatz kommt. Wer verstanden hat, dass Trump in der Lage ist, mit einem einzigen Tweet Konzerne ins Wanken zu bringen und ungeheure Vermögenswerte zu dezimieren, sollte sich im Klaren darüber sein, dass auch ein Militärbündnis vor einer Kapitalvernichtung nicht gefeit ist.

Viel wird davon abhängen, ob Trump bereit und in der Lage ist, Zweideutigkeiten zu vermeiden - was zum Beispiel auch erfordert, sich künftig nicht mehr abfällig über Politiker befreundeter Länder zu äußern. Die Frage, was die Beistandsklausel im Nato-Vertrag wert ist, hat Russlands Präsident Wladimir Putin bisher schon beschäftigt, und sie wird es in Zeiten des ihm angeblich so sympathischen Trump nicht weniger tun. Er wird alle Signale aus Washington aufsaugen. Trump müsste daher mindestens verstehen, dass er mit Putin immer auch dann redet, wenn er nicht in Moskau anruft, um Geschäfte zu machen.

Und wenn Trump Trump bleibt? Auch dann wird die Nato Truppen verlegen und Manöver organisieren. Logistisch läuft vielleicht erst einmal alles weiter wie bisher. Es verliert dann nur langsam seinen Sinn.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3310668
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 28.12.2016
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.