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NS-Zeit:"Das Erbe von Mut und Menschlichkeit"

Gedenken an die Opfer des gescheiterten Attentats auf Hitler

Kränze in der Gedenkstätte Plötzensee zu Ehren der Ermordeten des Widerstands gegen das NS-Regime.

(Foto: Jörg Carstensen/dpa)

Vor 77 Jahren scheiterte der Aufstand der Offiziere gegen Hitler. Beim Gedenken an den 20. Juli 1944 in Berlin erinnert Bundesarbeitsminister Hubertus Heil an die vielfältigen Aktionen des Widerstands.

Von Robert Probst

Die Verschwörer hatten sich ein umfangreiches Konzept für die Zeit danach überlegt. "Erste Aufgabe ist die Wiederherstellung der vollkommenen Majestät des Rechts", heißt es in ihrem Entwurf einer Regierungserklärung. "Keine menschliche Gemeinschaft kann ohne Recht bestehen; keiner, auch derjenige, der glaubt, es verachten zu können, kann es entbehren. Für jeden kommt die Stunde, da er nach dem Recht ruft."

Allein, es kam nicht zu dieser Regierungserklärung. Der Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 scheiterte, das Morden und der Krieg, mit dem das NS-Regime Europa überzogen hatte, ging noch fast ein Jahr weiter. Die Verschwörer wurden erschossen oder im Berliner Gefängnis Plötzensee erhängt. In der dortigen Gedenkstätte fand am Dienstag zum 77. Jahrestag der Gedenkakt statt. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) nahm bei seiner Rede nicht nur den militärischen Widerstand des 20. Juli in den Blick. Alle, die aktiv gegen Hitler aufstanden, "verband die unbedingte Entschlossenheit, für Menschlichkeit und Recht einzutreten", so der Minister.

Am Tag zuvor hatte der Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Johannes Tuchel, neue Forschungsergebnisse zu den Ereignissen am 20. Juli im Führerhauptquartier Wolfsschanze in Ostpreußen und in Berlin vorgelegt. Nach seinen Worten war das NS-Regime schlecht bis gar nicht auf ein Attentat auf den "Führer" und einen Umsturzversuch vorbereitet. Nachdem die Bombe, die Claus Schenk Graf von Stauffenberg unter einem Tisch deponiert hatte, explodiert war, brauchte das Regime mehrere Stunden, um überhaupt zu realisieren, dass hinter dem Attentat auch ein Umsturzversuch stand. Auch danach hatte man offenbar keine große Eile. Erst am Abend, etwa sechs Stunden nach dem Attentat, das Hitler leicht verletzt überlebt hatte, liefen erste Gegenaktionen bei Wehrmacht, SS und NSDAP-Gauleitern an. Diese "erstaunliche" Gelassenheit in der Wolfsschanze bringen den Historiker Tuchel zu dem Schluss, dass die Chancen der Verschwörer vielleicht doch nicht so schlecht gewesen seien wie nach 1945 lange angenommen.

Ein kleiner Kreis von Entschlossenen

Die bittere Wahrheit sei aber auch, "wie klein der Kreis der Entschlossenen" wirklich gewesen sei. So habe Stauffenberg, obwohl er zwingend in Berlin gebraucht worden wäre, die Bombe selbst platzieren müssen, weil im Hauptquartier kein Offizier bereit war, dieses Risiko einzugehen, betonte Tuchel. Der Aufstand wurde dann noch am selben Abend niedergeschlagen, Stauffenberg und mehrere Mitverschwörer erschossen und Hitler sprach verächtlich von einer "kleinen Clique".

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) verwies in einer Erklärung darauf, dass der Aufstand von Wehrmachtsoffizieren zwar gescheitert sei. "Dennoch ist der Versuch von Attentat und Aufstand ein Vorgang von allergrößtem moralischen Gewicht und ein wichtiger Schritt auf dem Weg zurück zu Freiheit und Selbstachtung."

Dass der Widerstand klein, aber vielfältig war, daran erinnerte auch Hubertus Heil in der Gedenkstätte Plötzensee. Viele Frauen und Männer hätten trotz unterschiedlicher politischer, weltanschaulicher oder religiöser Motive die Kraft gehabt, sich auf das Gemeinsame zu besinnen, und dabei Größe bewiesen. Den Ausspruch von Staatsanwalt Fritz Bauer, der 1952 die Verschwörer vom 20. Juli gegen die Diffamierung, Landesverräter gewesen zu sein, verteidigte: "Ein Unrechtsstaat berechtigt jedermann zur Notwehr", hätte die Mehrheit der Deutschen damals freilich gar nicht gern gehört.

"Missbrauch des Gedenkens"

Heil erinnerte aber auch daran, dass die Deutungskämpfe nicht vorbei seien, derzeit gehe es aber eher um eine Instrumentalisierung und einen "Missbrauch des Gedenkens". So sei es infam, "eine Widerstandskämpferin wie Sophie Scholl auf Demonstrationen politisch zu vereinnahmen und gleichzeitig mit notorischen Neonazis zu marschieren", sagte Heil mit Blick auf Vorkommnisse bei Protesten gegen die Corona-Politik.

Die Menschen, die gegen Hitler und seinen Unrechtsstaat aktiv wurden, seien Vorbilder auch für folgende Generationen, betonte Heil. Den Tag brachte er auf die Formel: "Das Erbe des deutschen Widerstands ist das Erbe von Mut und Menschlichkeit."

© SZ/stad
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