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Holocaust-Dokumente:"Wo immer man nachforscht, erschließen sich weitere Dimensionen an Unmenschlichkeit"

People watch at a light installation called #everynamecounts projecting names of victims of the Nazi regime in Berlin

An die Fassade der französischen Botschaft in Berlin werden im Zuge einer Medieninstallation von #everynamecounts die Namen von Opfern des NS-Regimes projiziert.

(Foto: Fabrizio Bensch/Reuters)

Bei der Aktion #everynamecounts digitalisieren Tausende Freiwillige Dokumente aus Konzentrationslagern. Eine von ihnen ist Martje Iversen. Sie erzählt, welche Einblicke in das NS-System sie dadurch bekommen und was sie erschüttert hat.

Interview von Barbara Galaktionow

Seit dem Spätsommer 2020 überträgt Martje Iversen Informationen aus Häftlingsakten von Konzentrationslagern in Datenbanken. Sie ist eine von mehr als Zehntausend Freiwilligen, die so die Informationen für Angehörige und Forscher digital zugänglich machen. Die 47-jährige Deutsche lebt in Schweden und wurde über einen Blog auf die Aktion #everynamecounts der Arolsen Archives aufmerksam.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

SZ: Frau Iversen, wie viele Dokumente haben Sie schon digitalisiert?

Martje Iversen: Rund 800.

Das klingt nach einer Menge. Was sind das für Unterlagen, die Sie bearbeitet haben?

Als ich angefangen habe, ging es um Dokumente aus dem Konzentrationslager Dachau. Da mussten insgesamt etwa 82 000 relativ ausführliche Registrierungsbögen eingegeben werden. Wenn die Häftlinge im Lager ankamen, wurden Name, Geburtsdatum und Geburtsort, Religion, Familienstand, letzte Adresse, Verhaftungsdatum, aber auch Angehörige und deren letzte bekannte Adresse eingetragen. Davon habe ich etwa 200 Bögen eingegeben. Das war eine sehr zeitaufwendige Sache, vor allem, wenn die Unterlagen handschriftlich waren. Die ganzen übrigen Dokumente, die ich übertragen habe, waren kleine Karteikarten, auf denen nur Gefangenennummer, Name, Geburtsdatum und -ort sowie der Tag der Einlieferung, Transfers in andere Lager, zum Teil auch Entlassungs- oder Todesdatum notiert waren.

Martje Iversen

Martje Iversen hat schon etwa 800 KZ-Dokumente digitalisiert. Auch ihre Tochter hat sie für #everynamecounts gewonnen. Missionieren wolle sie aber nicht, betont Iversen.

(Foto: o.H.)

Das sind relativ abstrakte behördliche Informationen. Haben Sie dadurch trotzdem einen anderen, einen tieferen Einblick in das historische Geschehen bekommen können?

Gerade dieses massenhafte Bürokratische ist erschreckend, all diese kleinen Karten, auf denen die Menschen aufs Äußerste reduziert wurden. Da machen schon Kleinigkeiten einen Unterschied aus. Die Menschen, die diese Karten ausgefüllt haben, waren wohl selber Gefangene. Und einer von ihnen - das habe ich an der Handschrift erkannt - hat immer einen Angehörigen oder eine Angehörige dazugeschrieben. Bei allen anderen Karten war das nicht der Fall. Das hat eine ganz andere Wirkung, dass der Mensch nicht nur eine Gefangenennummer ist mit ein paar Grunddaten, sondern dass es da natürlich Angehörige gab, ein ganzes Leben. Man selber stellt beim Bearbeiten natürlich auch Bezüge her. Man denkt sich: An dem Tag ist mein Vater geboren, da haben meine Großeltern geheiratet. Oder man liest - herrje! -, dieser Junge war 13, als er von der SS verhaftet worden ist. Oder man stellt fest, dieser Mann ist tatsächlich schon 1935 ins Konzentrationslager Dachau gekommen und dann 1944 nach Auschwitz deportiert worden. Er hat so viele Jahre im Lager verbracht!

Sie können die Schicksale der Menschen anhand dieser Karten nachverfolgen?

Also die Karten sind sehr unterschiedlich. Einige sind nur Fragmente, da steht eine Gefangenennummer und ein Nachname drauf. Andere sind sehr ausführlich. Wenn jemand tatsächlich die ganze Zeit in Dachau war und da gestorben ist, dann kann man das nachvollziehen.

Lässt sich ersehen, wo die Menschen zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden?

Bei vielen, aber nicht bei allen wurde das oben in einer Ecke vermerkt, mit Bleistift, weil das dann auch geändert wurde. Auch hier bin ich durch kleine Notizen auf immer neue grausame Details gestoßen. Da hat man zum Beispiel eine Karte aus Mauthausen, und dann steht da oben in der Ecke "Melk" - und dann denkt man, was war in Melk? Und dann guckt man nach und erfährt, dass in diesem Außenlager unter anderem Häftlinge für die Rüstungsproduktion unter brutalsten Bedingungen riesige Stollen in einen Berg treiben mussten. Doch wo immer man nachforscht, erschließen sich weitere Dimensionen an Unmenschlichkeit.

#everynamecounts

Die Arolsen Archives, früher: Internationaler Suchdienst, starteten #everynamecounts Anfang 2020 zunächst als pädagogisches Projekt an Schulen. Mittlerweile arbeiten nach Auskunft des Archivs mehr als 11 000 Freiwillige aus aller Welt daran mit. Die Institution will damit zum einen das "Gedenken aus der ritualisierten Erinnerungskultur herausbringen", wie Pressesprecherin Anke Münster sagt. Zum anderen werden die Daten auf diese Weise online verfügbar und recherchierbar - für Forscher, aber auch für die Nachkommen der ehemaligen KZ-Häftlinge. Diese Woche machten die Arolsen Archives unter anderem mit einer Medieninstallation an der französischen Botschaft in Berlin auf die Aktion aufmerksam. Die Organisation verfügt nach eigenen Angaben über die weltweit größte Sammlung über NS-Verfolgte. Diese gehören zum Weltdokumenterbe der Unesco.

Gibt es etwas, das Sie besonders beeindruckt oder erschüttert hat?

Als ich mit diesen Karteikarten aus Dachau gearbeitet habe, da ist mir tatsächlich klar geworden, dass es unglaublich viele Häftlingstransporte von Lager zu Lager gab. Die Gefangenen wurden oft mehrfach deportiert, von Dachau nach Mauthausen, von Mauthausen nach Buchenwald, von Buchenwald nach Sachsenhausen, von Sachsenhausen nach Auschwitz oder von Auschwitz nach Dachau. Auf einer Karte waren für einen Häftling sieben Transfers in andere Lager und zurück notiert. Die Nazis haben über Jahre hinweg unglaubliche Mengen an Menschen quer durch Europa gekarrt, tagelang. Allein mit dem Bedarf an Zwangsarbeitern lässt sich das nicht erklären. Ich kann mir vorstellen, dass es womöglich auch gezielte Schikane war - der Frage möchte ich noch einmal nachgehen. Was ich gedacht habe, während ich an diesen Karten gearbeitet habe: Wie muss das sein, wenn man unter diesen komplett unvorstellbaren Bedingungen in einem Lager lebt, aber sich dann zumindest orientiert, wer sind meine Mitgefangenen, wie arbeiten die Wachen, worauf muss man achten, wo sind die Latrinen, wo gibt es Essen? In so einer Umgebung, wo jeder andere Halt verschwunden ist, ist das ja der einzige Halt, den man hat. Und dann wird man da immer wieder herausgerissen und wahllos hin und her transportiert. Das hat mich schon erschüttert.

Die Freiwilligen, die an dem Projekt mitarbeiten, können sich auch untereinander austauschen. Wie läuft das?

Wenn man die Dokumente eingegeben hat, kann man dazu einen Kommentar hinterlassen - da geht es vor allem um konkrete Fragen: Kann jemand diese Notiz entziffern, was bedeutet dieser Eintrag? Und auf diesen können andere wiederum antworten. Dieser Austausch im Forum ist sehr wertvoll - denn dabei stößt man auch auf Details, deren Bedeutung sich erst in der Zusammenschau erschließt. Auf den Dachauer Dokumenten fanden sich zum Beispiel bestimmte Kürzel, offenbar vom Wachpersonal, doch das war zunächst nicht klar. Darüber wurde dann im Forum diskutiert. Schließlich haben die Freiwilligen angefangen, diese Karten mit Hashtags zu versehen. Und Historiker haben dann festgestellt, dass ihnen das hilft. Sie sind dadurch auf Informationen gestoßen, die sie vorher nicht bemerkt hatten.

Warum machen Sie selbst bei der Aktion mit?

Die Zeit des Nationalsozialismus, der Holocaust, hat mich schon immer interessiert. Ich habe vor allem in früheren Jahren viel darüber gelesen, Filme gesehen. Aufgrund der ganzen rechtsextremen Tendenzen gerade in der jüngeren Zeit ist es mir ein Anliegen, daran mitzuwirken, dass die Gräuel zur Zeit des Nationalsozialismus nicht in Vergessenheit geraten. Diese Art von Verfolgung und Verunmenschlichung darf einfach nie wieder passieren.

© SZ/mcs
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