Süddeutsche Zeitung

Polen zur NS-Zeit:Zeugnis ablegen bis zur "Aussiedlung"

Den sicheren Tod vor Augen entwarfen 15 Juden in den Jahren 1943/44 eine "Enzyklopädie des Ghettos Litzmannstadt" - als ihr Vermächtnis. Dabei mussten sie immer wieder eine Art Tarnsprache verwenden.

Rezension von Jens-Jürgen Ventzki

Der Winter 1943/44 legte sich mit unerbittlicher Härte und Strenge über das Land. Dreieinhalb Jahre schon dauerte das unermessliche Leiden der Menschen im Ghetto Lodz, Zehntausende sind bereits in diesem Krepierwinkel Europas, wie es Oskar Rosenfeld, selbst ein Gefangner der Nazis ausdrückt, umgekommen und Zehntausende in der Todesstätte Chełmno (Kulmhof) ermordet worden.

Das Schicksal der verbliebenden 80 000 Menschen zeichnete sich immer deutlicher ab. Im Sommer 1944 wurde das Ghetto von den Deutschen aufgelöst und die etwa 70 000 noch im Ghetto lebenden Juden nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Schätzungsweise 5000 bis 7000 Menschen haben überlebt.

Oskar Rosenfeld

"Das Wort, die Sprache ist in der Geschichte der Menschheit - die Wissenschaft hat diese These längst bestätigt - ein zuverlässigerer Zeuge und Wahrheitsquell als andere, materielle Denkmale."

Sie schauten aus ihrem Büro im zweiten Stock direkt auf die Gleise einer durch das Ghetto führenden Straßenbahn. Es waren 15 Mitarbeiter im "Archiv des Judenältesten", die in einer unverkennbar auswegloser werdenden Lage einen gewagten Plan verfolgten: Sie wollten in einer Enzyklopädie die "lexikale Kulturgeschichte des Ghettos Litzmannstadt" (Oskar Rosenfeld) zu Papier bringen, wobei sie ihr verstärktes Augenmerk auf die vielfältige, besondere Sprache dieser unfreiwilligen, von Hunger, Elend und Tod betroffenen Gemeinschaft legten. Was für ein mutiges und vorausschauendes Projekt!

Die Autoren sind weitgehend identisch mit denen, die ebenfalls im Auftrag des Judenältesten die tägliche Ghetto-Chronik (auf Deutsch erschienen 2007 in fünf Bänden, auch bei Wallstein) verfassten. Unter ihnen finden sich Journalisten, Schriftsteller, Wissenschaftler und ein Industrieller.

"Aussiedlung" hieß in der Tarnsprache: Transport in die Vernichtungslager

Einem ehemaligen Briefträger in der Administration des Judenältesten, Chajim Rumkowski, gelang es in den letzten Tagen des Ghettos, die in Koffern verpackten Aufzeichnungen zu verstecken. Er überlebte, kehrte nach dem Krieg nach Lodz zurück und konnte die vielen Dokumente sicher bergen. In den folgenden Jahren gelangten sie in verschiedene Jüdische Archive in aller Welt.

Mit der "Enzyklopädie" entstand ein höchst bedrückendes, einzigartiges Konvolut von einzelnen "Karten" mit Einträgen auf Deutsch, Polnisch und Jiddisch. Eine erhaltene handschriftliche Liste führt 1292 Begriffe auf, die - so vermutlich die Planung - Aufnahme finden sollten. Doch so weit kam es nicht, insgesamt existieren 377 Stichworte, davon 228 in deutscher Sprache, 115 auf Polnisch und 34 auf Jiddisch.

Sie alle erscheinen in der nun vorliegenden, eindrucksvollen Edition in Originalsprache mit deutscher Übersetzung. Alle Einträge, manche im Original mit handschriftlichen Anmerkungen ergänzt und noch nicht abgeschlossen, sind mit einer verständnissichernden Kommentierung versehen. Als Grundlage diente der Bestand im Archiv des Jüdischen Instituts in Warschau, ergänzt durch Texte aus vier weiteren Archiven.

Schlägt man den sorgfältig editierten Band auf, fühlt man sich tatsächlich in ein Archiv versetzt. Es gibt kürzere und längere Eintragungen zu den verschiedensten Lebensbereichen, es werden Namen, Kurzbiografien, Begriffe der "Ghettosprache" genannt, teilweise mit Namenskürzeln der Bearbeiter.

Um weder den Judenältesten noch die "Behörde", die "Macht" (beides Bezeichnungen für das deutsche Machtmonopol) durch zu deutliche Formulierungen zu provozieren, unterwarfen sich die Bearbeiter der Einträge einer Selbstzensur und wichen immer wieder in eine Art Tarnsprache aus. Mit Aussiedlung wird zum Beispiel die Deportation nach Chełmno und der anschließende Massenmord an den Juden umschrieben.

Die Sprache wurde vom Zwang diktiert

Im dritten Teil des Bandes erhält der Leser in fünf Kapiteln wichtige Informationen zur Edition selbst, zur Geschichte des Ghettos und seines Archivs, zum Schreiben im Ghetto und zur Konzeption und Überlieferung der Enzyklopädie. Explizit wird zu Recht auf den vom "Zwang diktierten Sprachgebrauch" der Opfer hingewiesen. Ohne dieses Wissen könnte Vieles im Kontext der Geschichte nicht verstanden werden.

Unweigerlich drängt sich die Frage auf, wie sich Menschen unter diesen lebensbedrohlichen Verhältnissen auf das Schreiben konzentrieren konnten. Woher nahmen sie die Kraft? Doch, so Jörg Riecke, für viele war es in "privater Schriftlichkeit" (Tagebücher, Essays) oder in "halböffentlicher Schriftlichkeit" (Ghetto-Chronik, Enzyklopädie) die "einzige Möglichkeit, das tägliche Grauen wenigstens im Ansatz zu verarbeiten".

Als richtige und hilfreiche Entscheidung erweist sich der Abdruck von Fotos mit Szenen aus dem Ghetto im hinteren Teil des Bandes. Das fotografische Gegenüber erzeugt eine starke und anhaltende emotionale Nähe zu den bedrohten Menschen und ihrer Lebenswirklichkeit.

Wir erfahren etwas über das Familienleben im Ghetto, also ein Leben unter schwersten und bedrohlichsten Bedingungen, wie die physische und psychische Zerrissenheit als zerstörendes Element des traditionell starken Zusammenhalts jüdischer Familien offenbart. Über das Altschuhlager wird berichtet, in das in großen Mengen Schuhe von "ausgesiedelten" Personen gelangten (es handelte sich um Schuhe von in der Vernichtungsstätte Chełmno ermordeten Menschen), die größtenteils zum weiteren Gebrauch repariert wurden.

Auf einer "Karte" wird das Leben des Straßensängers Jankel Herszkowicz, der die Sorgen, Leiden und Beschwerden der Menschen in Versen thematisierte und als Hoffnungsträger des Straßenlebens galt, beschrieben. Er konnte sich einer Zuhörerschaft, die ihn oft dicht umdrängte, sicher sein. Eines seiner populärsten Lieder "Rumkowski Chajim get uns klajim" (Jidd.: "Rumkowski Chaim, er gibt uns Kleie") wurde zum Gassenhauer.

Für tuberkulosekranke Menschen gab es kaum Hoffnung, Therapien waren aussichtslos. Ärzte benutzten in Gegenwart der Patienten oftmals als Synonym für die meist tödliche Krankheit die Bezeichnung Koch - in Anlehnung an den berühmten Mediziner Robert Koch.

Die deutschen Besatzer befahlen, ein "Ostjüdisches Museum" einzurichten

Verstörend und als kaum steigerungsfähigen Zynismus der "Herrenmenschen" liest sich der Eintrag "Wissenschaftliche Abteilung". Um das "Gesicht des Ostjudentums" für propagandistische Zwecke zu bewahren, erhielt der "Älteste der Juden" von der deutschen Ghettoverwaltung im Mai 1942 den Auftrag, eine Abteilung einzurichten, deren Zweck darin bestand, bereits gesammelte Gegenstände des Judentums für ein ständiges "Ostjüdisches Museum" durch eine "figurale" Darstellung des bereits vernichteten Lebens zu ergänzen.

Oskar Rosenfeld beschreibt in diesem Beitrag eine Art Werkstatt, in der aus Holz, Pappe, Stoff- und Lederresten, Modelliermasse, Haar und Seide in Puppenformat ostjüdische Typen als Schauobjekte für Vitrinen hergestellt wurden. Doch die Menschen im Ghetto distanzierten sich von dieser grotesken und abscheulichen Präsentation. Im Januar 1944 befanden sich die fertiggestellten Figuren noch immer in den Räumen der Abteilung.

Die meisten der Mitarbeiter an der "Enzyklopädie" überlebten nicht. Sie hatten keine Chance, dem Morden der Nationalsozialisten zu entkommen. Doch sie hinterließen ein wichtiges Zeugnis als Vermächtnis an die Nachfolgenden. Es ist das Verdienst der Herausgeberinnen und Herausgeber, dass dieses bedeutende Zeitdokument zur Geschichte der Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden jetzt auch auf Deutsch vorliegt und so eine weitere Lücke im Wissen um das Ghetto Lodz/Litzmannstadt geschlossen wird.

Jens-Jürgen Ventzki ("Seine Schatten, meine Bilder. Eine Spurensuche") wurde 1944 als Sohn des NS-Oberbürgermeisters Werner Ventzki, dem die deutsche Verwaltung des Gettos als städtische Behörde unterstand, in Litzmannstadt geboren.

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Quelle:
SZ vom 25.01.2021/gal
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