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Polen zur NS-Zeit:Die Sprache wurde vom Zwang diktiert

Im dritten Teil des Bandes erhält der Leser in fünf Kapiteln wichtige Informationen zur Edition selbst, zur Geschichte des Ghettos und seines Archivs, zum Schreiben im Ghetto und zur Konzeption und Überlieferung der Enzyklopädie. Explizit wird zu Recht auf den vom "Zwang diktierten Sprachgebrauch" der Opfer hingewiesen. Ohne dieses Wissen könnte Vieles im Kontext der Geschichte nicht verstanden werden.

Unweigerlich drängt sich die Frage auf, wie sich Menschen unter diesen lebensbedrohlichen Verhältnissen auf das Schreiben konzentrieren konnten. Woher nahmen sie die Kraft? Doch, so Jörg Riecke, für viele war es in "privater Schriftlichkeit" (Tagebücher, Essays) oder in "halböffentlicher Schriftlichkeit" (Ghetto-Chronik, Enzyklopädie) die "einzige Möglichkeit, das tägliche Grauen wenigstens im Ansatz zu verarbeiten".

Als richtige und hilfreiche Entscheidung erweist sich der Abdruck von Fotos mit Szenen aus dem Ghetto im hinteren Teil des Bandes. Das fotografische Gegenüber erzeugt eine starke und anhaltende emotionale Nähe zu den bedrohten Menschen und ihrer Lebenswirklichkeit.

Dominika Bopp, Sascha Feuchert, Andrea Löw, Jörg Riecke, Markus Roth und Elisabeth Turvold (Hg.): Die Enzyklopädie des Gettos Lodz/Litzmannstadt. Wallstein Verlag, Göttingen 2020. 432 Seiten, 34 Euro.

(Foto: Verlag)

Wir erfahren etwas über das Familienleben im Ghetto, also ein Leben unter schwersten und bedrohlichsten Bedingungen, wie die physische und psychische Zerrissenheit als zerstörendes Element des traditionell starken Zusammenhalts jüdischer Familien offenbart. Über das Altschuhlager wird berichtet, in das in großen Mengen Schuhe von "ausgesiedelten" Personen gelangten (es handelte sich um Schuhe von in der Vernichtungsstätte Chełmno ermordeten Menschen), die größtenteils zum weiteren Gebrauch repariert wurden.

Auf einer "Karte" wird das Leben des Straßensängers Jankel Herszkowicz, der die Sorgen, Leiden und Beschwerden der Menschen in Versen thematisierte und als Hoffnungsträger des Straßenlebens galt, beschrieben. Er konnte sich einer Zuhörerschaft, die ihn oft dicht umdrängte, sicher sein. Eines seiner populärsten Lieder "Rumkowski Chajim get uns klajim" (Jidd.: "Rumkowski Chaim, er gibt uns Kleie") wurde zum Gassenhauer.

Für tuberkulosekranke Menschen gab es kaum Hoffnung, Therapien waren aussichtslos. Ärzte benutzten in Gegenwart der Patienten oftmals als Synonym für die meist tödliche Krankheit die Bezeichnung Koch - in Anlehnung an den berühmten Mediziner Robert Koch.

Die deutschen Besatzer befahlen, ein "Ostjüdisches Museum" einzurichten

Verstörend und als kaum steigerungsfähigen Zynismus der "Herrenmenschen" liest sich der Eintrag "Wissenschaftliche Abteilung". Um das "Gesicht des Ostjudentums" für propagandistische Zwecke zu bewahren, erhielt der "Älteste der Juden" von der deutschen Ghettoverwaltung im Mai 1942 den Auftrag, eine Abteilung einzurichten, deren Zweck darin bestand, bereits gesammelte Gegenstände des Judentums für ein ständiges "Ostjüdisches Museum" durch eine "figurale" Darstellung des bereits vernichteten Lebens zu ergänzen.

Oskar Rosenfeld beschreibt in diesem Beitrag eine Art Werkstatt, in der aus Holz, Pappe, Stoff- und Lederresten, Modelliermasse, Haar und Seide in Puppenformat ostjüdische Typen als Schauobjekte für Vitrinen hergestellt wurden. Doch die Menschen im Ghetto distanzierten sich von dieser grotesken und abscheulichen Präsentation. Im Januar 1944 befanden sich die fertiggestellten Figuren noch immer in den Räumen der Abteilung.

Die meisten der Mitarbeiter an der "Enzyklopädie" überlebten nicht. Sie hatten keine Chance, dem Morden der Nationalsozialisten zu entkommen. Doch sie hinterließen ein wichtiges Zeugnis als Vermächtnis an die Nachfolgenden. Es ist das Verdienst der Herausgeberinnen und Herausgeber, dass dieses bedeutende Zeitdokument zur Geschichte der Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden jetzt auch auf Deutsch vorliegt und so eine weitere Lücke im Wissen um das Ghetto Lodz/Litzmannstadt geschlossen wird.

Jens-Jürgen Ventzki ("Seine Schatten, meine Bilder. Eine Spurensuche") wurde 1944 als Sohn des NS-Oberbürgermeisters Werner Ventzki, dem die deutsche Verwaltung des Gettos als städtische Behörde unterstand, in Litzmannstadt geboren.

© SZ vom 25.01.2021/gal
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