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Nationalsozialismus:Entdeckung von Anne Frank - Verrat oder Zufall?

Anne Frank

Eines der wenigen Fotos von Anne Frank, entstanden 1941.

(Foto: Anne Frank Fonds Basel/dpa)
  • Ein neuer Bericht des Anne-Frank-Hauses zeigt eine neue Theorie auf, wie es zu der Verhaftung von Anne Frank kommen konnte.
  • Bisher wurde vermutet, das Versteck der Familie sei verraten worden.
  • Doch die Entdeckung des Verstecks könnte Zufall gewesen sein. Womöglich suchten die Ermittler nach illegalen Mitarbeitern und Fälscher von Lebensmittelmarken.

Am 10. August 1944 hält ein Auto vor der Prinsengracht 263 in Amsterdam. Es ist halb elf. Aus dem Wagen steigen ein SS-Offizier und niederländische Polizisten. Sie gehen in das Haus, das nicht nur die Büros der Firma Opekta sowie Lagerräume beherbergt. In einer von einem Bücheregal verborgenen Wohnung halten sich Juden versteckt: Otto Frank, seine Frau Edith sowie die Töchter Margot und Anne. Das Ehepaar Herrmann, Auguste van Pels mit ihrem Sohn Peter sowie Fritz Pfeffer.

Otto Frank erinnert sich, dass plötzlich jemand die Treppe zum zweiten Stock herauf rannte. "Die Stufen krachten, und ich fuhr hoch, denn es war doch Vormittag, wo jeder leise zu sein hatte - aber da ging schon die Tür auf, und ein SS-Mann stand direkt vor uns und hielt mir die Pistole vor die Brust." Die Franks und ihre Leidensgenossen kommen ins Konzentrationslager Auschwitz. Nur Otto Frank überlebt das Vernichtungslager. Er ist es, der nach dem Zweiten Weltkrieg die Veröffentlichung des Tagebuchs seiner Tochter Anne vorantreibt. Bis heute wurden mehr als 31 Millionen Exemplare verkauft.

Die Entdeckung von Anne Frank und ihrer Familie gibt bis heute Rätsel auf. Dass sie verraten wurden, galt bisher als eine wahrscheinliche Theorie. Doch die Gedenkstätte Anne-Frank-Haus hat nun Unterlagen veröffentlicht, die eine weitere Theorie stützen. Dass die Sicherheitsbeamten gar nicht gezielt nach untergetauchten Juden suchten und nur zufällig auf das Versteck stießen.

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Ein Mitarbeiter der Gedenkstätte studierte Polizeiberichte und Gerichtsurkunden, um zu verstehen, warum die Durchsuchung des Hauses überhaupt stattfand. Das Gerücht, ein anonymer Anrufer hätte der Außenstelle des deutschen Sicherheitsdienstes den Hinweis gegeben, wonach sich Juden dort versteckt hielten, hält sich hartnäckig. Eindeutige Beweise dafür gibt es nicht. Dennoch wird bis heute gerätselt, um wen es sich bei dem Tippgeber handeln könnte.

Otto Frank, dem die Firma Opetka einst gehörte, hatte den Lagerarbeiter Willem van Maaren unter Verdacht. Van Maaren gehörte nicht zu den Mitarbeitern, die über die heimlichen Bewohner eingeweiht waren.

Doch van Maaren ist neugierig und stellt im Lager eine Falle. Zwei Wochen vor der Razzia erzählt er einem Kollegen von seiner Vermutung, das Haus diene als Versteck für untergetauchte Juden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ermittelte die Polizei zweimal gegen ihn. Doch der Verrat konnte ihm nicht nachgewiesen werden. Van Maaren selbst bestritt die Vorwürfe bis zu seinem Tod. Als mögliche Verräter gelten außerdem eine Putzfrau, die in der Firma arbeitete sowie Otto Franks früherer Geschäftspartner, ein überzeugter Nazi.

Suche nach illegalen Mitarbeitern?

In ihren Unterlagen stellt die Gedenkstätte Anne-Frank-Haus die Vermutung auf, der Anruf könne von einer anderen staatlichen Stelle getätigt worden sein. In der damaligen Zeit seien viele Leitungen gekappt worden, was das Telefonieren für Zivilisten schwierig machte. Außerdem stand die Nummer des Sicherheitsdienstes in keinem Telefonbuch.

Der Bericht wirft auch ein neues Licht auf die drei Männer, die an der Razzia beteiligt waren. Bisher hieß es, ihre primäre Aufgabe sei es gewesen, untergetauchte Juden zu suchen. Die Aufgabe von Hauptscharführer Karl Silberbauer war es aber, versteckte Besitztümer wie Juwelen und Geld aufzuspüren. Er und sein Kompagnon Willem Grotendoorst arbeiteten beide für den Sicherheitsdienst, erfüllen aber aus Sicht des Anne-Frank-Hauses nicht unbedingt das Profil von Männern, die gezielt untergetauchte Juden jagten. Der dritte im Bunde, Gezinus Gringhuis, arbeite zu der Zeit der Razzia gar nicht für den Sicherheitsdienst, sondern für eine Einheit, die sich mit Wirtschaftskriminalität beschäftigte.

Hier knüpft auch die Theorie der Gedenkstätte an, wonach die Ermittler eigentlich nach was ganz anderem suchten, als sie in das Haus in der Prinsengracht 263 kamen. Der Bericht legt nahe, dass sie illegale Mitarbeiter und Hersteller gefälschter Essensmarken im Visier hatten. Wenige Monate vor der Razzia waren im selben Haus zwei Männer festgenommen worden, die mit Essensmarken gehandelt hatten. Die Ermittlungen übernahm in solchen Fällen die Einheit, der auch Gezinus Gringhuis angehörte.

Dafür, dass es sich bei der Durchsuchung im August 1944 nicht um eine gezielte Aktion handelte, spricht dem neuen Bericht zufolge auch die zeitliche Abfolge. Victor Kugler, damaliger Chef des Unternehmens Opekta sagte 1957 in einem Interview: "Die Beamten gingen nach oben ins Lager im Vorderhaus und wollten wissen, was sich in den Kisten, Taschen und Ballen befand. Ich musste alles öffnen." Es dauert zwei Stunden bis die Ermittler schließlich vor dem Bücherregal stehen, und damit aus Sicht des Forschers ungewöhnlich lange. Darüber hinaus können einige Helfer der untergetauchten Juden das Gebäude ungehindert verlassen. Kugler und ein weiterer Kollege werden zwar festgenommen - aber nicht wegen der acht Menschen, die sie versteckt hielten. Stattdessen wird ihnen vorgeworfen, illegal Mitarbeiter beschäftigt zu haben.

Aus Sicht des Anne-Frank-Hauses können die neuen Erkenntnisse den Verdacht des Verrats nicht komplett ausräumen. Die Hoffnung der Gedenkstätte ist, dass Forscher sich mit den genauen Umständen beschäftigen, die zur Deportation von Familie Frank und Auguste van Pels, ihrem Sohn Peter sowie Fritz Pfeffer geführt haben. Im April 1944 schrieb Anne Frank in ihr Tagebuch: "Einmal wird dieser schreckliche Krieg doch wohl vorbeigehen, einmal werden wir doch wieder Menschen und nicht nur Juden sein!" Dieses Jahr wäre Anne Frank 87 Jahre alt geworden.

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